Individualität – gefördert für Kinder von Schule und Elternhaus

Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich feststelle, dass sich niemand gegen seine wahre Natur verhalten kann. Du kannst sie vorübergehend vergessen, aber Du kannst sie nicht verlieren. Nach dem Vergessen kommt das Erinnern, die Selbsterinnerung. Es ist wie eine Entdeckungsreise, bei der Du die Bretter vor dem Kopf wegnimmst und den Staub der Vergangenheit wegwischst, um wieder klar zu sehen. Du bist aufmerksam und wach für die Realität, die besagt, dass Du kein anderer werden brauchst und kannst, sondern dass es nur darum geht, herauszufinden, wer Du wirklich bist, das heißt was Deine wahre Natur ist. Dann wird Dir bewusst, dass Du als Suchender der Gesuchte und das Gesuchte bist. – Also vergiss, im Außen zu suchen, mach alles bestenfalls zum Spiegel Deiner selbst und suche in Dir! –

 

Was hat das mit dem Thema „Kinder, Schule und Elternhaus“ zu tun? Alles. Denn das, was man heute Erziehung nennt, ist die Vorbereitung auf ein Sklaven-Dasein, bei dem es darum geht, sich innerhalb schmerzender Ketten einer Konfession, einer politisierten Schulordnung oder Konditionen des Establishments zu einer Persönlichkeit zu entwickeln: also zu einem maskenhaften Dasein.

Die Eltern sind dabei die größten Sklaventreiber, denn sie lieben in aller Regel nur gehorsame Kinder und stoßen mit den Lehrern in ein Horn, die jede Rebellion unterdrücken, die doch eigentlich Ausdruck von wachem, nach Erneuerung strebendem Geist ist. So werden Duckmäuser, Anpasser, Leisetreter erzogen. Mögliche Genies werden pausenlos verhindert.

 

Ich stelle das fest, bedaure es und denke gleichzeitig an jene, die durch die Maschen der jeweiligen gesellschaftlichen Zwänge geschlüpft sind: zum Beispiel Jesus, Buddha, Sokrates, Galileo, Einstein – und jene Minderheiten, die ihnen zu ihrer Zeit mutig gefolgt sind. Sie sind es, auf die wir unser Bewusstsein richten sollten. Sie sind die Individualisten, die Rebellen gewesen, die die alten Schriftgelehrten, die alten gesellschaftlichen Zwänge, die Enge ihrer jeweiligen „Testamente“ und wissenschaftlich verbrieften „Wahrheiten“ aus Liebe zum freien Geist im freien Menschen aufsprengten. Ihnen gilt es zuzuhören und wahrzunehmen, dass den Eltern die Vergangenheit gehört, den Kindern aber die Zukunft. Kinder gehen unbeschwert und leichten Sinnes darauf zu, wollen das, was vor ihnen liegt, meistern. Dazu brauchen sie Freiraum, brauchen eine Intimsphäre, brauchen Unabhängigkeit und Vertrauen. Ein Beispiel für ein förderliches Verhalten erfahren wir im Gedicht von Erich Kästners „Brief an meinen Sohn“.

Hier die letzten beiden Verse:

 

„Ich will nicht reden, wie die Dinge liegen.
Ich will dir zeigen, wie die Sache steht.
Denn die Vernunft muss ganz von selber siegen.
Ich will dein Vater sein und kein Prophet.

Wenn du trotzdem ein Mensch wirst wie die meisten,
all dem, was ich dich schauen ließ, zum Hohn,
ein Kerl wie alle, über einen Leisten,
dann wirst du nie, was du sein sollst: mein Sohn!“

 

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Es wäre auch eine Versklavung der Kinder durch die Eltern, wenn es jetzt hieße „Werde ein Einstein!“ Das hieße ja auch, jemand anders zu sein und nicht DU SELBST. Du müsstest einem vorgestellten Ideal folgen und hättest keinen freien, kreativen Zugang zum Meer der unbegrenzten Möglichkeiten.

Eltern verhalten sich wahrhaft LIEBEVOLL, wenn sie ihr Kind in dessen Wesen bestärken, damit es sich selbst lieben kann, mehr und mehr, und damit auch mehr und mehr Achtung vor allen Anderen und allem Andersartigen als etwas Einzigartigem entwickelt.

Sie begegnen Buddha und Zorbas, den Reichen und den Armen, Hellen und Dunklen. Sie begreifen: Alle sind in dieser Unterschiedlichkeit gewollt. Sie alle haben das Recht darauf, so zu sein wie sie sind. Sie werden alle in ihrem So-Sein gebraucht: dienend und herrschend. Sie nehmen sie als Spiegel und nehmen für sich selbst in Anspruch, so zu sein, wie sie wirklich sind! Sie brauchen keine Erziehung.

Ein indianisches Sprichwort sagt: Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. –

 

Viele unserer Kinder haben heute Null-Bock-Stimmung. Warum? Weil sie das konditionierte Verhalten von Eltern und Lehrern intuitiv als fehlgeleitet empfinden. Sie fragen sich: Soll das alles im Leben sein? Gibt es nicht mehr? Wir dürfen bzw. müssen den so genannten Erwachsenen zuschauen, wie sie sich streiten, Krieg miteinander führen, sich beschimpfen und beleidigen und nur danach trachten, sich wechselseitig fertig zu machen, aber sie erlauben uns nicht, ihnen zuzuschauen, wenn sie sich lieben, wenn sie sich küssen; dann wird das Licht ausgemacht und die Türen werden verschlossen.

Uns werden Schulordnungen übergestülpt, die offenbar nur politische und wirtschaftliche Interessen abdecken. Unsere guten Lehrer – jene, die noch Spaß an ihrem Beruf haben und sich Mühe geben, unser Aufbegehren zu verstehen – haben Angst, ihren Job zu verlieren und kuschen spätestens dann, wenn sie mit den Eltern konfrontiert sind, die statt Freiraum für individuelle Behandlung der Kinder Leistung, Leistung, Leistung fordern.

Eigentlich könnten sie sich auf die theoretischen Leitlinien berufen, wie sie in den „Gesetzlichen Bestimmungen bezüglich Einschulung“ beschrieben sind. Hier gilt es als erleichternd, wenn

* Kinder sich etwas zutrauen

* Kinder gut mit neuen Situationen umgehen können

* Kinder bereit sind, sich anzustrengen, um etwas zu erreichen

* Kinder eigene Wünsche anmelden können

* Kinder um Hilfe bitten können

* Kinder selbst die Konsequenzen des eigenen Handelns erkennen dürfen und können

* Kinder neugierig sind

* Kinder viel fragen

* Kinder sich für vieles interessieren

Doch in der Praxis verkehrt sich der gute Wille meistens ins Gegenteil. Dann sind Lehrpläne zu erfüllen und vorgegebene Lernziele unabhängig von den Individuen, die sich in einer Klasse zusammenfinden, zu erfüllen – ohne Rücksicht auf Verluste, und zwar nach einem Notensystem, das der Willkür des einzelnen Lehrers totalen Spielraum lässt.

 

Statt zu jammern, wollen wir schauen, welche Alternativen es im Moment gibt. Der befreundete Oberstudienrat Wolfgang Römhild, der seine Schuldienstzeit bereits hinter sich hat, sagt: Da kann man nur beten; für die Kinder, für die Lehrer, für die Eltern. Für viele mögen sich darin schon alle Bemühungen zur Veränderung erschöpfen, doch wir wollen die Schulen, die Alternativen bieten, hinsichtlich ihrer Vorzüge, Regeln und Pflichten untersuchen und anschließend beurteilen, ob sie wirklich echte Alternativen im Sinne einer individuellen Förderung jeden Kindes sind.

 

Waldorf – Anthroposophische Schulen

Sie lehren nach den Vorgaben Rudolf Steiners – und der hat tatsächlich den Anspruch, dass jedes Kind nach seinem individuellen Entwicklungsstand gefördert wird. Hier ist der Lehrplan nach den seelischen und geistigen Veranlagungen und Begabungen der Kinder ausgerichtet. Und so ist es selbstverständlich, dass die sonst vielfach vernachlässigte künstlerische und handwerkliche Ausbildung gepflegt wird. Die Verwaltung erfolgt durch Lehrer und Eltern gemeinsam. Es heißt zumindest, dass man sich bemühe, auf das Verständnis des Menschen und seiner Lebensgesetze zu achten. Die Schüler werden hier nicht nach Noten bewertet.

 

Montessori – Reformpädagogische Schulen

Für die Pädagogik der italienischen Ärztin Maria Montessori spricht, dass die Kinder hier weniger geführt als unterstützt werden sollen. Sie sollen ihren eigenen Weg finden und zu kooperativen und intelligenten Menschen heranwachsen dürfen. Ein Grundsatz heißt: Kinder lernen das am besten, was sie jetzt lernen möchten. Deshalb soll dem Kind Zeit und Raum gegeben sein, seine selbst gewählte Arbeit auch selbständig und in aller Ruhe zu Ende zu führen. Nur das führe zur Selbstkompetenz.

 

 

Sudbury – Demokratische Schule in USA

Die erste Sudbury-Schule wurde 1968 gegründet. Heute gibt es ca. 30 Sudbury-Schulen, in denen die Schüler selbst entscheiden, was sie lernen möchten. Es gibt keine Unterrichtskurse im herkömmlichen Sinn. Sie kommen nur auf ausdrücklichen Wunsch der Schüler zustande. Die Schüler werden hier nicht bewertet und sie haben in der Schule genauso wie die Mitarbeiter eine Stimme. Sie legen fest, wer im nächsten Jahr an der Schule arbeiten darf. Einmal im Jahr erhalten die Eltern auch Stimmrecht, um den Jahreshaushalt zu verabschieden.

 

Summerhill – Reformpädagogische Schule in England

Im Gegensatz zu traditionellen Schulen legt diese Internatsschule mehr Wert auf das emotionale Wohlbefinden der Schüler als auf die reine Wissensvermittlung. Es geht um Individualität, nicht um ein Leben, das von Autoritäten bestimmt wird. Jeder Schüler nimmt freiwillig am Unterricht teil. Selbstbestimmung und Selbstverwaltung und das Losgelöstsein von Moralvorstellungen sind Grundlagen dieses Schulmodells. Diese freie Erziehung kennt aber auch Regeln. Allerdings werden diese zum größten Teil von den Schülern selbst aufgestellt.

 

Ergänzend (bzw. den schon mehr klassischen Aspekt der Erziehung vertretend) zitiere ich aus „Unsere Mission“ der Elite-Schule Schloss Salem: „Persönlichkeiten bilden – das ist für uns als international ausgerichtetes Internat und staatlich anerkanntes Gymnasium in privater Trägerschaft Aufgabe und Anspruch glei­cher­maßen. Ein Lern- und Erziehungskonzept muss den ganzen Menschen einbe­ziehen, weil nur Erlebtes und Erfahrenes den Menschen wirklich prägt. Das Streben nach den traditionellen Salemer Tugenden Wahrheitsliebe, Mut und Verantwortung, machen das Lehren, Lernen und Leben in unserer weltoffenen Schüler- und Lehrergemeinschaft zu einer umfassenden, bereichernden und individuellen Erfahrung……Indem Salemer Schüler an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen in Schule und Internat teilhaben, erleben und begreifen sie demokratisches Verhalten als selbstverständlichen Teil des Alltags. Sie lernen, verantwortungsbewusst mit sich, anderen und der Umwelt umzugehen. All das trägt dazu bei, dass sich Menschen zu starken, selbstständigen und frei denkenden Persönlichkeiten entwickeln können.“

 

Stellen wir dann das Klassische Schulkonzept gegenüber, stellen wir fest, dass ein Notenprinzip als Mindestanforderung zur Versetzung gegeben ist. Wissen wird systematisch vermittelt. Lehrer und Schüler stehen in einem autoritären Verhältnis zueinander, die Kommunikation ist mehr in diesem Verhältnis gegeben als zwischen den Schülern. Es geht hauptsächlich darum, (naturwissenschaftliches) Fachwissen und Pflichtbewusstsein zu vermitteln. Selbstbestimmtes Lernen gibt es nur in Ausnahmefällen. –

 

So werden „Persönlichkeiten“ als brauchbare Mitglieder der Gesellschaft herangezogen, in der alles auf Funktionalität im Sinne der Herrschenden ausgerichtet ist, die seelenlos ist und das Individuelle wenn nicht missachtet, dann zumindest gängelt oder unterdrückt.

 

Aus meiner Sicht kann es aber nur zu einer freien und friedlichen Gesellschaft kommen – und die wünschen sich sicherlich alle – , wenn wir uns um das Individuum kümmern. Jeder von uns ist ein geschlossener Kosmos. Jeder von uns hat seinen individuellen Zugang zum Ganzen: ist mehr phlegmatisch, melancholisch, sanguinisch oder cholerisch mit den Gesetzen des Lebens verbunden, bringt seinen spezifischen Auftrag in die Gemeinschaft ein und ist wertvoll, indem er sich seines Wertes bewusst wird. Je mehr Individuen das tun, je mehr ändert sich auch die Gesellschaft. Je mehr sich darüber klar werden, dass jeder wirklich in seiner Eigenart anerkannt werden will und muss, je mehr Akzeptanz ergibt sich für Unterschiede in den Eigenarten. Dann wird kein Krieg in der Klasse mehr sein. Dann wird kein Krieg mehr zwischen Nachbarn, Ehepartnern, Staaten, Religionen sein.

Vielleicht fragen Sie sich, ob denn damit die Probleme des Lebens wirklich gelöst werden können. Und zu Ihrer Überraschung antworte ich: NEIN. Aber es geht auch nicht um das Lösen von Lebensproblemen, weder in der Schule, noch im Elternhaus, noch sonst irgendwo – es geht allein darum, zu verstehen, warum es diese Probleme überhaupt gibt. Die Entdeckung, die dann zu machen ist, ist (besonders in einem meditativen Zustand) erhellend: Die meisten Probleme machst Du Dir selbst, ein kleiner Teil entsteht durch das Zusammenleben mit anderen, die aber über Zeit die Erkenntnis bringen, dass Du Dir die Probleme anderer zu eigen gemacht hast und diese auch dann bei denen lässt. Dann bleibt also nur noch ein Prozent – und da sei sicher, dass es sich um ein Problem handelt, das zum Leben selbst gehört: es ist das nicht zu vermeidende Sterben.

Dieses eine Prozent ist aber letztlich kein Problem, wenn Du erfahren hast, dass Leben und Sterben zusammengehören.

Zu diesem einen Prozent gehört auch die Liebe. Sie ist wahrhaftig ein „Problem“, weil jeder einen anderen Begriff dazu hat. Sie hält sich aber nicht an Grenzen, folgt keiner Konvention, setzt sich über Lehrpläne und Richtlinien hinweg. Sie mag der verbindende Fluss in allen Systemen sein, die die Welt bereithält. Ihr ist es gleichwertig und gleichgültig, ob das Schulsystem dreigliedrig ist, als Gesamtschule konzipiert ist oder Lehrer jung oder alt, sozialistisch, christlich oder orthodox geprägt sind. Die Liebe will wie das Leben selbst entdeckt werden. Ihr Geheimnis will von jedem Einzelnen gelüftet werden.

Also lassen wir auch BITTE jedem Einzelnen, jedem Individuum die Freiheit, das zu lernen, was zur Veredelung der mitgebrachten Eigenarten dient und nicht der Vorstellung einer Obrigkeit entspricht, die gefügsame, angepasste Mitläufer für die verordneten Machtinteressen erzieht.

Lebens(t)räume-Leserinnen und -Leser sind wacher als andere. Das ist die Voraussetzung, um diesen liebevollen Aufruf zur Rebellion im klassischen Schulsystem richtig einzuordnen. Vom Schüler eines Meisters, dem es immer darum ging, das Innerste zu erforschen, sind folgende Worte überliefert:

„Jeder Mensch hat das Vermögen, ein Buddha zu sein.

Mit wachsender Bewusstheit hören Spiele, Rollen, Lügen usw. ganz von selbst auf und erlauben einem menschlichen Wesen zu wachsen und sich in Liebe zu erweitern.“

Was ist dann die Basis für die Nicht-Erziehung: Vertrauen (statt Kontrolle).