Individualität und soziale Gemeinschaft

Wenn Sie sich mit der Frage beschäftigen „Wer bin ich?“, haben Sie einen Geschmack davon, was in dem Thema „Individualität und soziale Gemeinschaft“ an Erkenntnissen verborgen sein kann.
Das Individuum lässt sich ohne ein Du, ohne ein Gegenüber, mit dem man in einer gemeinschaftlichen Beziehung steht, nicht denken. Wenn es im zwischenmenschlichen Bereich nicht eine Person ist, von dem sich das Individuum vom anders Seienden unterscheidet, so endet die Kette der möglichen Projektionsflächen für das Ich des Einzelwesens beim „lieben Gott“: das Geschöpfte bezieht sich auf den Schöpfer.
Es kann also nie um Individuelles oder Gemeinschaftliches gehen, sondern immer nur um sowohl : als auch. – Wie sind die Rahmenbedingungen in einer Gemeinschaft für das Individuum? Ist das Individuum bewusster Teil der Gemeinschaft und stellt ihr zum Wohle des Ganzen das zur Verfügung, was seine einzigartige Potenz ausmacht?
Wenn wir uns die kleinste soziale Gemeinschaft, die Zweier-Beziehung betrachten, haben wir gleichzeitig die am meisten in die Tiefe der Betrachtung reichende Konstellation des Verhältnisses von Individuum zu Gemeinschaft vor Augen, denn im jeweiligen Gegenüber soll sich alles offenbaren, was die Einzigartigkeit an Zustimmung und Ablehnung zu erfahren hat. Der Spiegel ist total – und das halten die wenigsten aus. Es ist die konzentrierte Offenbarung dessen, was es heißt, ein eigener Kosmos zu sein, ausgestattet mit einem mehr oder weniger bewussten Selbst-Verständnis, das sich eigentlich selbst genügt, jedoch die Welt (ggf. in einer Person, zu der man sagt: „Du bist die Welt für mich“) als Projektionsfläche sucht, um sein Nicht-Wissen vom Selbst über eine lange Kette von Leben in Wissen zu transformieren – so lange, bis bei dieser Art Selbsterforschung klar ist, dass die ganze Welt – auch der Partner, die Partnerin – nur die Ansammlung von Erlebnissen und Ereignissen, von Veränderungen und Irritationen, von Gedanken, Sorgen, Handlungen und Nicht-Handlungen ist; und dass die ganzen Fragen zum Sinn des Daseins, zur Stellung des Ichs zum Wir, vom Wert des Individuellen im Verhältnis zum Gemeinschaftlichen, die Antwort im Selbst-Bewusstsein finden – und das ist dann auch das Gottes-Bewusstsein. Das ist das ICH BIN, in dem sich alle Fragen erschöpfen und die Antwort als Erleuchtung erstrahlt, wonach alles, was in Lebensräumen und Lebensträumen geschieht, nichts mehr ist als das zum Spiel der Illusionen in dieser Welt Gehörende.
Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, gebrauchen wir unseren Verstand, unseren Intellekt, um ihn irgendwann verloren zu geben, zurückzulassen in den uns verwirrenden, größeren Einheiten der Gemeinschaft: in Familie, Gemeinde, Land, Welt und Kosmos. In der Kontemplation, der Meditation, der Stille, der „Ich-Versenkung“ haben wir Wegweiser. Wir schauen nach Innen und finden unseren Lehrer, unseren Guru, der uns den schönen Schein vom Sein unterscheiden lassen lernt. Er wird uns helfen, die Essenz der individuellen Existenz als die Essenz der Existenz der Gemeinschaft zu begreifen. Wenn die Essenz des Individuums die Selbst- oder Gottes-Erkenntnis ist, ist das, was die Gemeinschaft ausmacht, die Essenz der von den Individuen zusammengetragenen Gottes-Erkenntnis. – Je mehr sich eine Gemeinschaft mit den Themen der Welt beschäftigt und sich darin verwickelt, wie zum Beispiel die Katholische Kirche, umso weiter entfernt sie sich vom Wissen der Essenz. Verloren geht diese nie. Doch das Nicht-Wissen um sie wird mehr und mehr genährt statt vermindert. Nur mit Tricks und den Intellekt missachtenden Behauptungen werden die Schlafenden und Dummen dieser Welt für die weltlichen Zwecke der Gemeinschaft eingefangen und missbraucht. Der moderne „Ablass“ liegt darin, vom eigentlichen Ziel abzulassen und sich zum Beispiel der Politik und der Wirtschaft zu bedienen und deren Spiel mitzuspielen, statt konsequent einen Weg aus dem Konkurrenz-Verhalten und Parteien-Gezänk aufzuzeigen und vorbildlich zu gehen.
Es ist allerdings auch in den meisten so genannten alternativen Gemeinschaften eine ideologische Enge gegeben, die bedeutet, sich ein bestimmtes weltliches Thema als Leitgedanken „einzuverleiben“ und die Essenz darin zu sehen, dass alle – im interfraktionellen Zwang gebeugt – die Meinung des Leithammels bzw. der dumm gehaltenen Mehrheit zu vertreten haben, wenn sie dazu gehören wollen. Eine solche Gemeinschaft hat ihren Spiegel im Individuum, das dann als Schäfchen dem Schäfer hinterherläuft und zum Beispiel in groß angelegter Organisation die Welt und zumindest die Erde retten will. –
Sie ist bereits gerettet, wenn die Reinheit und Klarheit ins Bewusstsein des Einzelnen einkehrt, dass er ein einzigartiges Selbst ist, das dazu berufen ist, vor der eigenen Haustür zu kehren, um nicht von der Flut des Mülls dieser Welt erdrückt zu werden. Und dieser Müll sind unter anderem die Besserwisser, die einen für eine Gemeinschaft kassieren wollen und etwas für essentiell ausgeben, was bei näherer Betrachtung billiger Tand ist, der mit magischem Zauber oder verbrämter Religiosität an das Individuum verhökert wird.
Das ändert nichts an der Wahrheit des Fazits:
ICH und meine Umwelt sind EINS.