Kern und Schale

Hätten wir keinen Finanzmarkt aufgebaut, gäbe es keine Finanzkrise. Wären wir stets mit dem zufrieden gewesen, was wir hatten, hätten wir nichts für einen Fortschritt getan. Wären wir nicht neugierig gewesen, hätten wir nichts Neues entdeckt. Hätten wir keine Grenzen gezogen (bekommen), brauchten wir keine zu überwinden. Wären wir nicht bedingte Wesen, brauchten wir uns nicht an Bedingungen zu halten. Gäbe es die Welt nicht, brauchten wir sie nicht zu überwinden. –

Alles, was ist, ist Realität. Alles, was ist, ist erleuchtet, ist göttlich. Alles, was ist, ist in Entwicklung. Wir entdecken uns in den Archetypen, erfassen mehr und mehr die Synchronizität von allem, was zwischen Himmel und Erde ist.

Die größte Sackgasse, in die wir laufen können, ist die Vorstellung von besser, weiter, dem Göttlichen näher.

Diese Hybris ist aber weit verbreitet. Insbesondere bei jenen, die einen geistigen Weg gehen. Sie wenden sich von den Niederungen der realen Welt ab, greifen nach den Sternen, wollen vom Göttlichen mehr Anteil haben, entrücken der lauten Welt, gehen in die Stille ihrer imaginären Bergwelt und verkünden vom Gipfelkreuz ihrer Ein-Bildung: Egoistisch zu sein ist schlecht. Wut ergibt sich immer nur aus Angst. Begrenzung bedeutet Leiden. Von etwas abhängig zu sein, ist verwerflich. Verletzlichkeit ist das Synonym für Ganzheit. –

Alles ist richtig. Es kommt auf die Betonung und den Blickwinkel an. Ich stelle daneben: Jeder kann des Anderen Lehrer und gleichzeitig Schüler sein. Das, was oben ist, ist gleich dem, was unten ist. Der Jesus-Weg, in die Welt zu gehen, ist gleich dem Buddha-Weg, sich dem Weltlichen zu entziehen.

Eine Vorstellung, im Ego gefangen zu sein, zeugt eventuell von Unwissenheit. Eine Vorstellung, Erleuchtung bedeute Verwirklichung der weltlichen Aufgabe, zeugt wahrscheinlich genauso von Unwissenheit. Solange wir glauben, unfrei zu sein, im Ego gefangen zu sein, suchen wir nach der Wahrheit. Das beinhaltet den Glauben, dass wir von einer Nicht-Wahrheit zur Wahrheit zu finden hätten. Ein Begriff wie Erleuchtung rechtfertigt sich also nur aus der Annahme, dass wir vor der Erleuchtung gefangen seien im Ego.

Dies gilt nur so lange als wir genau das allein im Blickfeld haben, was die vermeintlich Spirituellsten unter den Spirituellen verlassen wollen: das weltliche Zeit-Raum-Kontinuum, indem wir unser kleines Ich, das Ego, aufbauen, schließlich wissen (können), was wir in unserer Begrenzung und Bedingtheit sind, nachfolgend uns entgrenzen, d.h. verletzlich machen und uns aufmachen für das, was nicht Ich ist und uns mit ihm verschmelzen – dabei erschlaffen, also zum Beispiel keinen Sex mehr haben, der Lust entsagen, von himmlischem Manna (sattvischer Nahrung) leben, nun glücklich wieder allein sind, der Welt entrückt und gern in den Augen der Welt verrückt.

Nehmen wir den Blick aus dieser jenseitigen Perspektive auf, sind wir symbolisch bei dem Archetypus des Narren angekommen, der die Welt durchwandert hat und nun feststellt, ich hätte eigentlich dieses Rad nicht schlagen brauchen, wenn ich dieses Ich, dieses kleine Ego, als ICH BIN anerkannt hätte; wenn ich nichts anderes hätte sein wollen als das, was ich wirklich bin und was ich von Anfang an war: eine individuelle Form, die von Leben durchdrungen ist – wie alles andere auch, das außerhalb dieses Ich ist. Alles mit gleicher Berechtigung und Sinngebung.

Jede individuelle Form ist also Kern und Schale zugleich. Aus dem innersten Wesen entwickelt sich das, was als Möglichkeit eingeboren ist. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Jeder ist, wie er ist: determiniert. Und die moderne Wissenschaft weist dies nach und nach nach, indem sie feststellt, dass es den so genannten freien Willen nicht gibt. Jeder ist begrenzt, löst dann aber auf dem Weg vom Kern bis zur Schale immer mehr Grenzen auf. Dazu gehören Begegnungen, Erfahrungen, Leiden und Probleme. Nichts davon darf vermieden werden, wenn die äußerste Schale erreicht werden soll. – Und was ist dann, wenn ich das Ego in die äußerste Schale geworfen habe? Dann entdeckt jeder für sich, dass er seine eigene Wahrheit darstellt. Außer seiner eigenen Wahrheit gibt es keine (es ist die eine Wahrheit, die jeder in sich hat) – und die bedeutet an diesem Punkt der Entwicklung (nicht vorher), dass ich meine Wahrheit, aus meinem nun großen Ego heraus als subjektive Größe übereigne, das heißt die aus dem Kern des Ich heraus gewordene Frucht dem objektiven ICH BIN selbstlos überlasse. Erst dann gibt es nichts mehr festzuhalten, zu bewahren und zu sichern. Vorher heißt es, der Welt zu dienen, sich verantwortungsbewusst, d.h. mit den Fähigkeiten des Ego in den Kampf zu begeben: sich auszudehnen, sich zu erweitern, sich um die Welt kümmern. Jeder entspricht dabei seinem mitgebrachten Muster, das sich in einem bestimmten (Temperaments-) Gefüge unterschiedlich präsentiert.

Wer dies anerkennt, weiß, dass das Paradies hier ist, in dieser Welt. Er ist überall in dieser Welt zuhause, hat nichts zu verbessern, sondern nur anzuerkennen, was ist. Denn auch der Rhythmus, nach dem sich etwas entwickelt, ausdehnt, Begrenzungen überwindet, ist individuell unterschiedlich. –

Diese Betrachtung, die aus meinem Innern kommt, wo die Frage zuhause ist, wer oder was mir wohl diese Gedanken eingegeben hat, mündet in der Konsequenz, dass wir immer das haben, was wir brauchen. Zur Zeit eine so genannte Finanz- und Wirtschaftskrise. Diese gäbe es nicht, wenn die Menschen nicht Menschen wären, das heißt in ihrem natürlichen So-Sein begehrend, gierig, für ihre eigene Entwicklung etwas haben wollend. So schufen sie unter anderem das Geld. Hiermit wurde entgrenzt. Austausch ist damit möglich. Doch wahr ist auch: Wäre das Geld nicht geschaffen worden, gäbe es jetzt keine Finanzkrise. –

 

Gäbe es die Welt nicht, gäbe es keinen Traum, denn die Welt ist Traum, ist Maja, spiegelt uns die Einheit als etwas Geteiltes.

Lasst uns den Schleier wegnehmen und erkennen, dass Liebe ist, dass Freundschaft ist, dass Hingabe ist.

Nur Vorstellungen, dass aus dem Denken geborene Erkenntnisse eine Bewertung von richtig und falsch, wahr und unwahr rechtfertigten, hindern uns die Realität als das zu nehmen was sie ist: wertvoll-wertlos.

PS: Der nach außen gerichtete Verstand formulierte dieses Editorial. Gleichzeitig pochte mein Herz. Auch jetzt. Es fragt: Wer schreibt das? Wer ist das? ES antwortet:

Wir (Ich+Ich+Ich+Ich+Ich+Ich+Ich+Ich…..)