Kinder, Schule, Elternhaus

Schule und Elternhaus geht es um die Entwicklung und Förderung der Kinder. Die Kinder sind es also, um die sich alles dreht. So will ich die Quadratur des Kreises als bewährte Schablone zur Erfassung der in einem Kreisgeschehen gegebenen Gesetzmäßigkeiten einsetzen, um daraus abzuleiten, was den im Mittelpunkt unserer Betrachtung stehenden Kindern wirklich zuträglich ist und was ihre Entwicklung stört bzw. zerstört.

Vollziehen Sie bitte die Worte von J.W. von Goethe nach: „Natur kennt weder Kern noch Schale. Alles ist sie mit einem Male. Dich prüfe Du nur allermeist, ob Du mehr Kern oder mehr Schale seist!“

Die vier Seinsbereiche Körper, Seele, Geist, Transzendenz setze ich analog mit Anlagen/Begabung, Urgrund/Elternhaus, Lehrstoff/Umwelt-Herausforderung, Ziel/Schule/Prüfung gleich. Damit ergibt sich, dass Elternhaus und Schule zum Wohle des Kindes an einem „Strang“ zu ziehen haben und die mitgebrachten Anlagen möglichst in ein Gleichgewicht mit den Umwelt-Herausforderungen zu bringen sind.

Dieses Rad steht nicht still, ist nicht statisch. Es bewegt sich dynamisch von Schulklasse zu Schulklasse. So gestaltet sich Leben „in wachsenden Ringen“. Es ergibt sich eine spiralförmige Entwicklung. Von Schulklasse zu Schulklasse, von Stufe zu Stufe, baut sich Wissen auf, werden mehr und mehr Antworten auf mitgebrachte Fragen gegeben. Es entsteht eine Spirale, an deren Ende symbolisch alle Fragen beantwortet sind – alles ist auf den Punkt gekommen: ist wieder dort, wo alles hergekommen ist. – „Werdet wieder wie die Kinder“ ist erfüllt.

Alles, was dazu dient, ist immer gleichzeitig da. Doch wir bewegen uns in Zeit und Raum, das heißt: alles ist nacheinander zu absolvieren, ist auf einem Entwicklungsweg in dieser Reihenfolge zu erfüllen, andernfalls werden die Gesetze des Lebens unterwandert. Dies wird bestraft: Die Kinder werden nicht gebildet, sondern verbildet. Schulen transformieren nicht, sondern stagnieren als selbstherrliche Prüfinstanz. Eltern bieten keine Herzensbildung und Geborgenheit mehr, sondern ordnen sich der staatlichen Obrigkeit unter. Der Lehrstoff entbehrt der Achtsamkeit auf das, was Kinder an Anlagen mitbringen und schwebt in luftigem, von den Kindern nicht mehr fassbarem Raum.

Aus der Sicht der Kinder, die es ja „einmal besser haben sollen“, geht es im Wesentlichen – im Kern – um folgende sinnvolle Entwicklung: Die ihnen am nächsten Stehenden, die Eltern, Geschwister, Großeltern, erfassen das, was sie mitgebracht haben in diese Welt. Sie pflegen es und vermitteln Sicherheit, Vertrauen, Zuversicht in das, was den Eigenwert ihres Kindes ausmacht. Sie herzen es, schenken ihm Wärme und bereiten es darauf vor, dass es im Leben Anziehung und Abstoßung gibt. Sie fördern die Einzigartigkeit ihres Kindes und schicken es erst dann in den Kindergarten, wenn diese Basis geschaffen ist. Das ist bei jedem Kind – je nach Anlage – zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt der Fall.
Kinder sind von Natur aus lern- und wissbegierig. Sie öffnen sich freiwillig dem Lehrstoff, wenn die Vermittlung ihr Kind-Sein und die unterschiedlichen Anlagen berücksichtigt. So müsste es klar sein, dass eine Pisa-Studie Schwachsinn ist, wenn sie unterschiedliche Anlagen, die in unterschiedlichen Kulturkreisen mehr oder weniger ausgeprägt sind, über einen Leisten schlägt und Kinder vergewaltigt, entgegen ihrer Anlagen zum Beispiel naturwissenschaftliche Studien zu einem Zeitpunkt machen zu müssen, da sie ihre Lernbereitschaft erst durch das Bereithalten von ihnen entsprechenden Lehrinhalten bestätigt und gefördert sehen wollen. Andernfalls blockieren sie und Schule wird zum Gefängnis.
Eine Schule, die dann durch Notengebung, um sich selbst kreisende Lehrpläne und zeit-räumliche Überforderung für zusätzlichen Druck und Frust sorgt, gehört zum Wohle des Kindes abgeschafft. Sie ist dann nämlich nicht mehr die Instanz, die das, was als natürliche Anlage bei den Kindern zum Wohle des Ganzen gegeben ist, fördert, sondern der unerbittliche Zensor, der abgehoben etwas verlangt, was in ein Wolkenkuckucksheim gehört, aber nicht in ein der Welt zugewandtes, liebevolles, wohlwollendes System.

Diese Betrachtung gerät natürlich sofort in Schieflage, wenn man nicht dem Ausgangspunkt zustimmt, wonach es allen Beteiligten darum ginge, die Kinder zu fördern. – Vielfach nehme ich wahr, dass die Lehrer den Schülern nicht mehr Herr werden. Warum? Weil nun schon über allzu lange Zeit Bildung an den Kindern und deren Bedürfnissen vorbei „gepflegt“ wird. Eine geheime Revolution sammelt im Untergrund ihre Vasallen. Sie verweigern die Gefolgschaft. Sie verstehen kein Deutsch mehr – zumindest nicht so, wie es autokratisch vorgetragen wird. – Forscht man nicht mehr nach den Ursachen, können einem die Lehrer Leid tun, denn nun sind sie jener Gewalt ausgesetzt, die sie einst in ihrem Stand selbst ausübten. Es ist nämlich gar nicht so lange her, dass die Lehrer die Schüler als „Hornochsen“ und „Milchkühe“ beschimpften und sie prügelten, wenn sie nicht gehorchten. Die „Welle“ schlägt zurück. – Wer das nicht im Zusammenhang sehen will oder kann, beklagt die „unerträglichen Zustände“ an unseren Schulen. Dafür werden Schuldige ausgemacht, die jetzt greifbar sind. Es sind dann die Schüler, insbesondere die „Ausländer“, die in ihrer Radikalität mit noch radikaleren Mitteln bekämpft werden müssen. Die Macht ist bei der Obrigkeit, dem Staat, der stellvertretenden Instanz Schule. Basta!

Wenn Elternhaus und Schule tatsächlich zusammenarbeiten würden, würde man von beiden Seiten versuchen, die Herzen der Schüler zu erreichen, den Wesenskern, das Innere. Man würde sie nicht nach deren äußerem Verhalten abkanzeln, sondern geduldig das nachholen, was man über lange Jahre versäumt hat: sich einzufühlen in das, was einem anvertraut wurde.

Ich bin sicher, dass bei solchen Einsichten und nachfolgend konsequentem Vorgehen das wechselseitige Vertrauen entstehen würde, das die Basis für eine nachhaltige, erfolgreiche Bildungsreform wäre. Dann wären die vordergründigen Streitfragen nach dem vermeintlich besseren Schulsystem – z. B. Gemeinschaftsschule, dreigliedrig, G 8 oder G 9 – in sich gelöst. Im Einvernehmen mit den Schülern würden die Angebote parallel bereitgehalten und die Schüler hätten in Abstimmung mit ihren Eltern (!) die freie Wahl, welches Angebot jenes Staates sie annehmen, bei dem alles für das Volk durch das Volk geregelt ist.
Und sollte es diesen Staat nicht geben, muss es zumindest frei gegeben und wesentlich erleichtert sein, die Kinder in Privatschulen zu schicken oder auch zuhause von qualifizierten Lehrern unterrichten zu lassen.

Viele Lehrer, die ich kenne, stimmen mit mir überein, doch sie sehen angesichts des Starrsinns in Kultusministerien und der Trägheit der Verwaltungsinstanzen keine Chance, „etwas zum Besseren zu wenden“. Außerdem fehle es auch im Kollegium an Mut, sich der von oben verordneten Lehrpläne zu verweigern bzw. davon abzuweichen, um den eigenen, individuellen Stil zum Wohle der Kinder und Jugendlichen einzubringen – und ggf. über Zeit nachzuweisen, dass mit mehr zwischenmenschlichem Verhalten, bei dem das Herz spricht, mehr zu erreichen ist als durch sachlich kaltes, den Vorgaben blind folgendes Erfüllen der behördlichen Anweisungen.

Aus diesem Blickwinkel im Kreisgeschehen betrachtet, fehlt es offensichtlich an ausreichend revolutionärem Geist bei den Lehrern. Vielleicht ist ja dieser Beitrag ein Anstoß, dem guten Willen auch die Seele einzuhauchen…..