Leben und Sterben

Es ist Herbst. Themen, die mit dem Sterben und dem Tod zusammenhängen, haben naturgemäß Hochkonjunktur. Und wie immer in der Welt der Polarität bedingt der eine Pol den anderen: Die Beschäftigung mit dem Sterben erzwingt eine Hinwendung zum Leben.

Für manchen ist jüngst der Traum gestorben,

* dass die Iren bei ihrem Nein zum Lissabon-Vertrag für Europa bleiben

* dass die CDU die Wahl verliert und eine Diskussion über eine Verlängerung der Laufzeiten von Atom-Kraftwerken erspart bleibt

* dass Wahlversprechen eingehalten werden

* dass Entlassungen wegen Misswirtschaft ausbleiben können

* dass die Gier nach Macht und Geld eingedämmt und die „dritte Welt“ nicht mehr ausgebeutet wird

* dass die Tiere nicht mehr für wissenschaftliche Zwecke gequält und getötet werden

* dass Aufklärung statt Zwang bezüglich Drogen, Impfen, Lernen Einzug halten würden usw.

Die Realität besagt: Träume, die auf Illusionen gegründet sind, müssen sterben. Und was sind Illusionen? Vorstellungen von gut und böse, richtig und falsch! Wenn Sie nur die oben angeführten Beispiele nehmen, können Sie erkennen, dass es offenbar immer Gründe für die Nichterfüllung der Träume gibt. Eine Mehrheit oder der so genannte Zufall haben anders entschieden – und den Traum platzen lassen.

Gibt es denn überhaupt Träume, die erfüllbar sind? JA, jene, die die unsichtbare Realität zu einem Zeitpunkt aufnehmen, da sie noch nicht dingfest ist, materialisiert ist, verwirklicht ist. Wir sprechen dann von Visionen, Eingebungen von Gott. Diese in die Welt einzubringen, bedingt meistens, in einer Minderheit gegenüber den herrschenden Mehrheiten zu stehen und die Erfahrung machen zu müssen, dass man entweder seiner Zeit voraus ist oder aber nicht stark genug ist, den Widerständen zu trotzen und unab-hängig von Zeit und Raum seiner Vision treu zu bleiben, d.h. dem göttlichen Wollen treu zu bleiben. Dann meldet sich der Spielkamerad Gottes, der Teufel – und schließt einen Pakt mit uns, dass wir uns mit dem Relativen zufrieden geben und wenigstens unseren persönlichen Nutzen aus unserer Vision ziehen, indem wir unsere Klugheit, unseren gedanklichen Vorsprung, unsere Taktik und unsere Wendigkeit einsetzen, um wenigstens etwas mehr als der andere zu haben, d.h. bei den Gewinnern in dieser Welt zu sein.

Dafür töten wir scheibchenweise das bessere Wissen in uns. Wir werden einseitig in der Beurteilung von gut und böse. Wir sind dann zum Beispiel gegen das Töten von Tieren und Insekten, aber die grundsätzliche Frage ist nicht angesprochen, was es mit dem Töten an sich auf sich hat. Was ist zum Beispiel mit jenen, die die Zeit totschlagen? Was ist mit jenen, die unsere Wirtschaft ruinieren (töten)? Was ist mit jenen, die wir in unserer Gesellschaft predigen lassen, Gesetze machen und zur Wirkung kommen lassen, die gesunden Menschenverstand und ethische Vorgaben der Völkergemeinschaft missachten (d.h. töten)? –

So ziehen wir im direkten und übertragenen Sinne in den Krieg für jeweils unseren Teil der Erkenntnis bzw. Betrachtung des Ganzen. Jeder will Recht haben, und zwar alleine. Und das ist der nicht erfüllbare „Traum“.

Die Konsequenz daraus?

Wir sollten uns dem Leben in seiner Paradoxität stellen: Man baut auf, um wieder verloren zu geben. Man träumt, um die Träume zu verlieren. Was bleibt, ist die Essenz – das wahre Leben. Das Entwickeln vom Samen bis zur Frucht und danach das Verschenken des Gewordenen, damit andere sich daraus nähren.

Im anderen sterben – beim Verzehren der Frucht, im sexuellen Akt, im Überlassen der subjektiven Potenz zum Wohle des Ganzen….

Unter diesen Vorzeichen wird eine Zen-Geschichte verstehbar, die ich Ihnen hier schenken möchte (aus „Ohne Worte – ohne Schweigen“/Paul Reps, O.W. Barth-Verlag):

„Als Seisetsu der Meister von Engaku in Kamakura war, verlangte er größere Räume, da jene, in denen er lehrte, überfüllt waren. Umezu Seibei, ein Kaufmann aus Edo, beschloss, fünfhundert Goldstücke, „ryo“ genannt, für die Errichtung einer großräumigen Schule zu spenden. Dieses Geld brachte er dem Lehrer.

Seisetsu sagte: „Sehr gut. Ich will es nehmen.“

Umezu gab Seisetsu den Sack voller Gold, aber er war mit dem Verhalten des Lehrers nicht zufrieden. Man konnte mit drei ryo ein ganzes Jahr lang leben, und der Kaufmann erhielt nicht einmal Dank für ganze fünfhundert.

„In diesem Sack sind fünfhundert ryo“, ließ Umezu sich vernehmen. „Das hast du mir schon gesagt“, erwiderte Seisetsu.

„Selbst wenn ich ein reicher Kaufmann bin, so sind fünfhundert ryo doch eine Menge Geld“, sagte Umezu.

„Willst du, dass ich mich dafür bedanke?“ fragte Seisetsu.

„Das solltest du“, antwortete Umezu.

„Warum sollte ich das?“, erkundigte sich Seisetsu. „Der Gebende sollte dankbar sein.“ –

 

Seit fast dreißig Jahren sind solche Geschichten mein tägliches Brot. Sie regen mich an, meinen Alltag nach dieser für mich gültigen Wahrheit zu gestalten. Sie mahnen mich, nicht aus den Augen zu verlieren, dass alles vergänglich ist, und dass das, was ich habe, nur auf Zeit geliehen ist. Innerhalb dieser Zeit gebe ich ihm Wert. Ich schätze es, pflege es und trage Sorge dafür. Doch dann kommt die Zeit – wie der Wechsel der Jahreszeiten -, zu der ich loslassen muss, um einer neuen Erkenntnis willen. Für mich persönlich um der Erkenntnis willen, dass ich nicht mehr auf drei Hochzeiten (Centro-Lanzarote, Johanniterhof und „Lebens(t)räume“) die Kraft zum löwischen Tanz auf der Bühne des Lebens habe. Ich suche Ruhe. – Vision oder Traum? – Ein Traum könnte es sein, dass meine Vorstellung aufgeht, die Seminarzentren im vorgestellten Zeitraum zu verkaufen. Die Vision geht in jedem Fall in Erfüllung: Zeit und Raum werde ich hinter mir lassen und Ruhe davon finden: im Weggehen von dieser Welt.