Lehren und Lernen

unser Titelthema heißt heute „Lehren und Lernen“ – und die erste Assoziation dazu ist wohl bei den meisten, dass es stets jene gibt, die von oben herab lehrend den Ton angeben, um denen da unten etwas zu vermitteln, was sie für die übergeordnete Wahrheit halten. Die da oben sind die, die symbolisch oder tatsächlich erhöht auf Kanzel, Empore, Katheder, Podium, Thron sitzen und außer zu vermitteln auch überzeugen, befähigen, helfen, unterstützen, befehlen wollen, was zu lernen sei.
Die Wirkung dieses hierarchisch geordneten Verhaltens ist zwangsläufig unterschiedlich. Sie hängt von vielen Faktoren ab; u.a. von den Fähigkeiten der Lehrenden, vom Vertrauen und der Aufnahmebereitschaft der Lernenden, vom objektiven Wahrheitsgehalt der Lehr- bzw. Lerninhalte, von der in der Gesellschaft gegebenen Akzeptanz der hierarchischen Ordnung.
Ich muss bekennen, dass ich zu dem vorgegebenen Thema mit meiner Meinung meistens keine Mehrheiten in der Bevölkerung erreiche.
Denn ich bin für die Erziehung der Kinder durch die Eltern, nicht durch den Staat und ihre Beamten. Obwohl dies eigentlich auch im Grundgesetz so verbrieft ist, hält man sich nicht daran, weil man politisch kurzfristig und damit meistens auch kurzsichtig einen vermeintlichen Erziehungsnotstand ausmacht, der Sicherheit und Ordnung gefährden würde. Dabei ist zu bedenken, dass jene, die vorgeben, im Namen des Volkes zu sprechen, ja Menschen sind, denen wir glauben wollen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Da bleibt mir nur die Feststellung, dass sie wohl selbst so wenig gute Erfahrungen in ihrer eigenen Erziehung erfahren haben, dass sie heute nicht positiv über Erziehung denken und sprechen können – und nachfolgend in ihren Handlungen nur die ihnen selbst zugemuteten Vorurteile, Härten und Ausgrenzungen vor Augen haben und von ihrem inneren Kind verteidigen lassen, wenn sie alles Rebellische, Vielfältige, Außergewöhnliche wieder in eine Uniform pressen wollen. Somit regiert die Angst vor Vertrauen. Und ein indianisches Sprichwort findet kein Gehör, was da im Zusammenhang mit Erziehung heißt: „Wenn man am Gras zieht, wächst es auch nicht schneller.“ Darin liegt die Erkenntnis, dass man die Welt nicht durch den Rückblick in die Vergangenheit ändert, sondern durch Vertrauen in den Ausblick.
Dieses Thema ist dann allerdings durch die ständige Wiederholung, dass man aus der Geschichte lernen könne und müsse, total geeignet, einen wie mich in die Isolation zu treiben, denn Geschichte ist für mich das Toteste vom Toten, solange nicht der Mythos, der in den historischen Abläufen zu finden ist, auch entdeckbar gemacht wird. Allein das, was ich dem Toten an Leben einhauche, indem ich Gefühle in meiner individuellen Seele zum Vergangenen jetzt einbringe, macht Lust, macht Laune, bringt einen Dschingis Khan, Cäsar, Bismarck oder Kennedy in mein Wohn- oder Klassenzimmer. Tatsache aber ist, dass meine fünf Kinder – genauso wie ich – Geschichtslehrer hatten, die historische Zahlen auswendig lernen ließen, die niemals das damalige Geschehen in einen Sinnzusammenhang zum Heutigen brachten, auswendig lernen ließen statt zum Beispiel im Spiel das Pro und Contra auszuloten, allein den aus der Geschichtsschreibung hervorgehenden Siegern Anerkennung zukommen ließen und nicht einmal hinterfragten, ob es auch einen anderen Blickwinkel geben könnte. Alles Schema F! Doch die Ausnahme verdient hier mit Namen genannt zu werden: Herr Deyda in der Karl-Brachat-Realschule in Villingen-Schwenningen. Der macht Geschichte zum aktuellen Erlebnis – und gewinnt so die Herzen, weniger die quadratischen Köpfe.
Eine Auswirkung dieser nachpreußischen Verhaltensweise ist es, dass die zum Lernen in die unterschiedlichen Lebensschulen geschickten Zeitgenossen kein Vertrauen mehr in die Obrigkeit haben, die kraft Stellung zum Lehren oder Belehren vorgesetzt ist. Die Verweigerung zeigt sich aber nicht durch eine offene Verhaltensweise, sondern durch die Nicht-Annahme des „demokratischen Rechts“ und der sich daraus angeblich ergebenden Pflicht, die Volksvertreter zu wählen. Zwischen 33 und 50 % verzichten regelmäßig auf dieses „Recht“. Das System nimmt davon aber kaum Notiz; es hält sich an jene, die mitlaufen, egal, wo es hingeht, solange man sie nur in Ruhe lässt bzw. ihnen Sand in die Augen streut, indem ihnen Geschenke gemacht werden, die mit ausufernden Schulden finanziert sind. –
Dort, wo man alles unter Kontrolle halten will, ist für Querdenker kein Platz. Von denen geht die Gefahr aus, dass sie andere anstecken und das mühsam im Lot gehaltene Gefüge stürzen. Dies aber ist ohnehin nicht zu verhindern, da alles (!), was dem Zeitlichen unterliegt, vergehen muss. Es muss verraten werden, d.h. verlassen werden, um aus der Summe konkreter Erlebnisse das Fazit zu ziehen, dass die gemachten Erfahrungen eine Erkenntnis erzwungen haben, wonach das Alte (das, was früher galt) hinter uns liegt, und wir Raum in der kommenden Zeit schaffen sollten, in dem Neues entstehen kann. So wie es Vaclav Havel, der ehemalige tschechische Präsident formulierte:
„Ich denke, wir haben allen Grund zu glauben, dass das Zeitalter der Moderne zu Ende ist. Heute deutet vieles darauf hin, dass wir uns in einem Übergangsstadium befinden, in dem offensichtlich etwas verschwindet und etwas anderes unter Schmerzen entsteht. Es ist, als ob etwas bröckelt, zerfällt und sich selbst erschöpft, während sich etwas anderes, noch Unbestimmtes aus den Trümmern erhebt.“
So ist es kein Wunder, dass die Geächteten von einst heute in einem anderen Licht gesehen werden: Judas, Maria Magdalena, Herr Meier und Frau Schmidt.
Schön ist es, dass meine Kinder, die in dem Dorf, in dem wir wohnen, immer wieder von Mitschülern, die offener als ihre scheinheiligen (vordergründig stets freundlichen) Eltern agierten, körperlich und seelisch angerempelt wurden, weil sie aus der „Sekten-Familie“ kamen, sich vertrauensvoll aus der kindlichen Betroffenheit in ein Erwachsenen-Stadium überführen ließen, in dem sie dieses zeitweilige Ausgegrenztsein als Auszeichnung begreifen können. Sie sind Freigeister, die offen sind für alle Religionen, das Verbindende suchen und Kameradschaften und Freundschaften über alle kulturellen Unterschiede hinweg pflegen. Sie haben in unseren Seminarzentren ständig erfahren, wie Menschen zusammenwachsen, wenn sie sich zu einem gemeinsamen Anliegen treffen, das das Individuelle, Einzigartige fördert. Sie haben die Wahrheit der „Ringparabel“ aus „Nathan der Weise“ (W.E. Lessing) erfasst, obwohl sie diese leider nicht mehr als Pflichtlektüre in der Schule behandelten. Sie haben erlebt, wie die dörflichen Machtstrukturen wirken, wie oberflächlich die genährt sind, und wie segensreich es ist, wenn es den Einen gibt, der sich den Vorurteilen entzieht, nicht über die Dinge spricht, sondern sich einlässt und eine eigene Erfahrung mit dem macht, was die taube Masse geißelt.

Lehren und lernen sind die zwei Seiten einer Medaille, wo sich die Positionen austauschen lassen, das heißt: ein wechselseitiges Lehren und Lernen ermöglicht ist. – Wenn der Lehrer nichts mehr von seinen Schülern lernt, ist es Zeit, ihn zu entlassen!