Mut zum Chaos

„Das ist elefantös, sagenhaft, supergeil, galaktisch!“ – Großartiges muss heutzutage so beschrieben werden, damit den Bewohnern in den Teilen der übersättigten, inflationären Welt das über die Normalgrenze Hinausgehende überhaupt noch ins Bewusstsein rückt –
und was sich in der Sprache zeigt, ist Anfang und Ende unseres Lebenskreises.

Es gibt so Vieles, was in kurzer Zeit jedes vorstellbare Maß „überschritten“ hat. Ja, es sind keine Schritte mehr, die wir innerhalb kontinuierlichen Wachstums machen, es sind Quantensprünge. Diese sind allerdings längst nicht von jedem inhaltlich nachvollziehbar – und somit entsteht ein Loch: ein Bewusstseins- und Erkenntnisdefizit. Die Grenze des Verstehbaren ist erreicht. Deshalb wird Wissen um Wissen angehäuft. Immer mehr drängen zur Universität. Jeder hat die Hoffnung, dann am ganz Großen, Wunderbaren teilhaben zu können; und schnell soll es gehen.

Orientierung bieten dabei immer noch –teilweise neu verkleidet- die alten Muster, die rational verarbeiteten Modelle, die erprobten Meister – mit dem Ergebnis, immer besser nachvollziehen zu können, wie die Welt funktioniert, aber ohne Erkenntnis des Sinns; der hält sich nach wie vor verborgen, liegt hinter der Erkenntnisgrenze. Das erzeugt zunächst Unzufriedenheit, dann Angst, schließlich Depression. Man konnte sich nicht mit den vorgestellten Mitteln in kurzer Zeit dessen bemächtigen, was man haben wollte.

Dieser Punkt der Verzweiflung ist das Nadelöhr, durch das das Genie (der an das Jenseitige – noch nicht Erforschte – Glaubende) durchgeht und die Masse wie in einem Sodom und Gomorra immer nur rückwärts blickend erstarrt.

Risikobereitschaft, Abenteuerlust, Mut zum Chaos sind die Attribute des die Angst überwindenden Wanderers in dieser Zeit. Die anderen machen das vor dem Nadelöhr Liegende zum Selbstzweck. Gigantomanisch werden die Teile, die zur Grenze des rationalen Erkennens geführt haben, aufgebläht: zum Beispiel in der Technik (Handel, Wirtschaft), Psyche (Therapie), Intellektuellem Wissen (Naturgebundener Geist).

Alles wird zur inflationären Droge, wird Selbstzweck, ist nicht mehr auf das Höhere, auf die Grenze, das Nadelöhr, durch das man durch muss, ausgerichtet. Die Teile geben vor, sich selbst genügen zu können, grenzen sich ab, sind in ihrer selbst gewählten Enge und Kleinheit schließlich nur noch Marionetten der Masse, die von jenem gelenkt werden, der ihre Angst, Unzufriedenheit, Depression am inflationärsten (mit den größten Versprechungen des Aufblähens in bestehenden Formen und Grenzen) anzusprechen versteht.

Da gibt es in Wirklichkeit keinen Unterschied bei dem verschiedenen -ismus.

Wo immer Geld um des Geldes willen verdient, Wissen um des Wissens willen gesammelt und Gefühle um der Gefühle willen ausgedrückt werden, ist es notwendig (die Not wendend), sich auf das Ziel (das Nadelöhr) zu besinnen; dabei nicht darauf lauernd, was bei unseren Anstrengungen herauskommen müsste, sondern geduldig wartend, was hereinkommt, während wir selbstbewusst handelnd unterwegs sind.

Eines ist sicher: Wir erreichen dieses Ziel. Die Frage ist nur, in welchem Bewusstseinszustand. –

Gut, dass wir die „Lebens(t)räume“ haben, die auffordern, das Träumen im Schlaf hinter uns zu lassen, und stattdessen traumhaft wach zu sein, um wahrnehmen zu können, was wirklich ist. –

„Träumende leben in einer Welt allein, Wachende in einer Welt gemeinsam!“