Schickt die Philosophen in die Wüste!

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Beginnen will ich entsprechend meines Temperaments mit Begeisterung für dieses Buch: „Philosophische Temperamente“. Eine solche Sprache, wie sie Peter Sloterdijk findet, um von Platon bis Foucault die Tafelrunde der führenden Denker zu besetzen, ist einmalig, ist analytisch tiefschürfend, damit abgrenzend und unterscheidend, aber gleichzeitig von beseelter, durchgängiger Huldigung an seine Disziplin, die Philosophie. Sie ist, um im Bild zu bleiben, das Artus gleiche Königliche, das bei allen zeitlichen und kulturellen Verschiebungen zum Begreifen der Welt und des Göttlichen triumphierend zumeist sich selbst bestätigt und vorgibt, was man als wertvoll, wichtig, weiterführend zu begreifen hat.
Die von Sloterdijk herauskristallisierten Essenzen des geistigen Schaffens seiner ausgewählten Philosophie-Ritter sind literarische Leckerbissen, die bei analogem Verständnis die Urbilder erkennen lassen, wie wir sie in allen Kulturkreisen finden. Er nennt sie „philosophische Temperamente“.
Sie alle haben ihre subjektiven Möglichkeiten eingesetzt, um in heldenhafter Manier den Heiligen Gral der menschlich-göttlichen Existenz zu finden. Peter Sloterdijk lässt Revue passieren:
Schelling:
„Aus seiner Assistenz bei der Geburt des Bewusstseins gewinnt Schelling die Einsichten, durch die er zum Ersten unter den großen Theoretikern der Kunst in der Moderne werden sollte.“
Schopenhauer:
„Auf lange Sicht könnte seine wichtigste geistesgeschichtliche Wirkung darin liegen, dass er den asiatischen Weisheitslehren, dem Buddhismus zumal, mit höchstem Respekt die europäischen Türen geöffnet hat. – Von Schopenhauer könnte der Satz stammen: Nur die Verzweiflung kann uns noch retten; er hatte freilich nicht von Verzweiflung, sondern von Verzicht gesprochen. Verzicht ist für die Modernen das schwierigste Wort der Welt. Schopenhauer hat es gegen die Brandung gerufen. Nach ihm sind die Fragen des Ethischen radikaler als je zuvor offen.“
Kierkegaard:
„Der metaphysische Grundakt, das Transzendieren, bedeutet eben: sich aus der Zeit zurückziehen, um den Ursprung im Absoluten wiederzugewinnen. Kierkegaard stellt diese Tendenz der Philosophie von Grund auf in Frage; für ihn ist es unmöglich, am Lichtfaden der Begriffe ins Zeitlose aufzusteigen. – Er betrat als Erster das Zeitalter des Zweifels, des Verdachts und der schöpferischen Entscheidung.“
Marx, Nietzsche, Freud:
„Sie gelten, vor allem bei Vertretern des christlichen Humanismus, als die Überbringer jener drei penetranten schlechten Botschaften über die Grundkräfte der menschlichen Wirklichkeit, mit denen die Bürger der Moderne seither ihre Rechnung zu machen haben: Herrschaft der Produktionsverhältnisse über die idealistischen Fiktionen; Herrschaft der Vitalitätsfunktionen alias Wille zur Macht über die symbolischen Systeme; Herrschaft des Unbewussten oder der Triebnatur über das menschliche Selbstbewusstsein. Mit dreifacher Stimme scheinen die Dysangelisten ein und dasselbe Verhängnis zu verkünden: Ihr seid Gefangene von Strukturen und Systemen! Die Wahrheit wird euch unfrei machen. – Alle drei wären in dieser Sicht die Überbringer von Wahrheiten, die nicht erheben und verbinden, sondern auflösen und beschweren.“
Husserl:
„Wie kaum ein Denker vor ihm hat Husserl die Einheit von Denken und Schreiben zur gestischen Synthese gebracht.“ – Davon offenbar nachhaltig inspiriert lässt uns Sloterdijk Einblick in seine eigene Sprachgewalt nehmen, wenn er sagt: „…..die Gegenstände der phänomenologischen Meditation versammeln sich auf dem Schreibtisch des Denkenden zu sublimen Stilleben. Sie sind nicht länger naiv begegnende Objekte aus der sogenannten wirklichen Welt, sondern Figuren im absoluten Film der Intentionalität. Für die Dauer seines Exerzitiums tritt der Beschreibende aus der reißenden Zeit des todwärts gelebten Lebens heraus und überantwortet sich der Gegenwart des absoluten Bewusstseins.“
Wittgenstein:
„Der Mensch ist ein Seil, das zwischen dem Tier und dem Logiker gespannt ist. – Was die Mitwelt des Philosophen (Wittgenstein) als dessen strenge und anstrengende Aura wahrnahm, war die Hochspannung eines Menschen, der der ständigen Konzentration auf seine Ordnungsprinzipien bedarf, um nicht den Verstand zu verlieren. Als Borderliner des Seins hat es der Philosoph nie mit weniger zu tun als mit dem Block der Welt im Ganzen, auch wenn er nur über die korrekte Verwendung eines Wortes in einem Satz nachdenkt.“
Sartre:
„Im zusammenfassenden Rückblick erscheint Sartre heute als vorläufig letzter Heros in einer Reihe gewaltiger europäischer Freiheitsphilosophen. – Vielleicht war er der fleißigste, tätigste philosophische Autor des Jahrhunderts. Seine vermeintlichen Schulden bei der weniger bevorzugten Menschheit hat er mit hohen Zinsen zurückgezahlt.“
Foucault:
„Die nachmetaphysische Herausforderung hat im 20. Jahrhundert eine Reihe von charakteristischen Antworten provoziert, unter denen es einige nicht nur zu prägnanten Projekten, sondern auch zu öffentlicher Resonanz und zu akademischen Wirkungen gebracht haben. Es sind hier vor allem zu nennen: der relativistische Neopragmatismus, die postmarxistische Theorie des kommunikativen Handelns, die Leibphilosophie der neophänomenologischen Schule, die dekonstruvistische Textkritik, die soziologische Systemtheorie und die neokynische Ästhetik des Alltäglichen. Erst vor dem Hintergrund solcher weitläufig verwandten intellektuellen Praktiken gesetzt, tritt die spezifische Differenz des Foucaultschen Denkens in seiner großartigen Eigensinnigkeit und Radikalität hervor. In ihm wird vollends erst erkennbar, was es für ´den Menschen´ bedeutet, aus dem Tode Gottes Konsequenzen zu ziehen.“
In der Tafelrunde fehlen noch einige Altvordere. Aus dem Nebel der Zeit tauchen zwei von Sloterdijk erwähnte auf und sind JETZT noch hochmodern: Platon und Hegel.
Hegel:
„Seit Hegel kann geleugnet werden, dass die Geschichte im Wesentlichen zu Ende sei. Vieles bleibt in der Welt zu tun – das wird zum Schlachtruf nachhegelscher Diskursschöpfungen. Noch wollen neue tanzende Sterne geboren werden, von denen keine Retrospektive etwas weiß. Ein vorwärtstreibendes Interesse am Unerledigten erwacht; das Unerlöste, Unbefreite meldet seine Ansprüche auf kulturelle und philosophische Berücksichtigung an. Versöhnung will nun viel umfassender gedacht werden, als je ein Idealist sich einfallen ließ.“
Platon:
Das Feuer, das von Platon ausgeht, schreibt Sloterdijk dessen Vorläufern, namentlich Parmenides und Heraklit zu. Um die Paradoxie allen Lebens auf die Spitze zu treiben, zitiert er aber den Antiplatoniker Friedrich Nietzsche, um uns in einem Brückenschlag über die Zeit herauszufordern, Farbe zu bekennen, ob wir Platon das Denkmal setzen wollen, das ihn – und damit die ganze Philosophie – verehrt oder aber das Denkmal als Symbol für eine dem Denken zuzuschreibende Problematik erkennen, die wir nicht hätten, wenn wir es für wahr hielten, dass alles, was ist, göttlich ist. Das Zitat: „Doch man wird es begriffen haben, worauf ich hinaus will, nämlich dass es immer noch ein metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht – dass auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist…..wie aber, wenn dies gerade immer mehr unglaubwürdig wird….“

Auf der Rückseite des Covers zum Buch steht, Sloterdijks „brillante Toasts sind die perfekte philosophische Einstiegsdroge“. – Ja, es hat etwas Verführerisches, über das Normale hinaus Tragendes, Sloterdijks Interpretationen, seinen Wortspielen und gedanklichen Höhenflügen zu folgen. Ein solcher Geist muss bewundert werden. Im Zirkel der lebenden Philosophen der Jetztzeit gebührt ihm neben Johannes Heinrichs ein Ehrenplatz.
Ich bin ein Hanswurst im Verhältnis zu diesem Akrobaten der Denkkunst. Dennoch nehme ich mir heraus, ihn mit allen Philosophen in die symbolische Wüste des Nichtwissens zu schicken. Alles, was sie von sich geben, ist getrockneter Mist, ist Erkenntnisreichtum, der nichts wert ist, wenn es darum geht, spontan dem Individuum gerecht zu werden, jenem immer wieder sich aus sich selbst heraus erneuernden Universum der Einzigartigkeit, in dem es im raumzeitlichen, scheinbar abgegrenzten Sein einen Impuls gibt, der unsere Denkstrukturen Purzelbäume schlagen lässt, indem er gleichzeitig vorwärts wie rückwärts treibt, Ja oder Nein sagt, für gut wie für böse gleichwertig argumentiert.
Das ist der Ursprung allen Lebens in dieser Welt, dass es paradox ist und dass es DIE Welt nicht gibt, sondern jeder in seiner Welt lebt und deshalb keine Philosophie geeignet ist, außer dem Philosophen selbst eine Richtschnur für die Erfüllung der individuellen Aufgabe zu sein. Auf Zeit mag die Erkenntnis des Anderen dem, der sie aufnimmt, Richtschnur sein. Vertrauensvoll übernimmt der Schüler die Vorgabe des Lehrers. Doch dann kommt der Zweifel, der nichts anderes ist als das Erwachsenwerden: das sich Abwenden von den alten, „gesicherten“ (in der Vergangenheit bewährten) Werten. Jeder setzt dann im besten Falle seine eigene „Tafelrunde“ zusammen – und ist in jedem Fall selbst der König, der die Entscheidung trifft, wen bzw. was er ins offensive, aggressive Feld schickt und wen oder was er hinter den Kulissen wirken lässt. Dabei sind alle menschlichen Komponenten mitwirkend: Tatkraft (ich will), Herkunft/Eigenwert (ich bewahre), Kommunikation (mein Wert im Verhältnis zu deinem Wert), Gefühl (innerseelisches Zuhause), Emotion (Ich-Behauptung), Analyse (Begreifen der Halbheit, des Getrennt-Seins), Partnerschaft (Hinwendung zum Andersartigen), Verbindlichkeit (Einlassen auf das Du/Prozess), Erkenntnis (Vereinzelung, vertrauensvoller Bezug zum Höheren), Normierung (Innehalten des Dynamischen, sich Entwickelnden, um es zu prüfen), Rebellion (Sammlung der/des Höchsten, um sich selbst „zum Narren zu halten“), Hingabe (genussreiche Ferien vom rationalen Denken/sich dem Strom des Lebens überlassend – zufrieden sein mit dem, was ist; vor dem Tun gibt es die Phase des bewussten Nicht-Tuns).
Für diese zwölf Aspekte, die in jedem Individuum wild durcheinander gewürfelt und doch sinnvoll für einen gesetzmäßigen Entwicklungsprozess vorgegeben sind, stehen die Philosophen genauso wie die Künstler, die Politiker und die Wissenschaftler.
Jeder möge in seiner Disziplin das Äußerste, das Entrückteste anstreben – dann findet es auf geheimem Wege zu einer höheren Vernunft. Die aber ist nicht von dieser Welt. Sie ist in der Leere der Wüste….
Triffst Du einen Philosophen in der Wüste, schlage ihm auf die Backe!
Triffst Du Peter Sloterdijk, lege ihm einen roten Teppich aus; er könnte Dein verstoßener Bruder sein, der Dir ein Spiegel sein wollte für das, was Dir fehlt.