Schule

Viele von Ihnen haben Kinder oder Enkelkinder in jenem Alter, dass Sie Ende Februar, Anfang März damit konfrontiert sein werden, vom Klassenlehrer die Empfehlung für eine weiterführende Schule zu erhalten, denn in den meisten Bundesländern maßen sich die Kultusminister an, den Elternwillen mit der Begründung zu dirigieren, dass diese Grundschulempfehlung auf den erbrachten schulischen Leistungen und den daraus erkennbaren Entwicklungspotentialen beruhe.

In Baden-Württemberg bin ich seit fünfzehn Jahren mit dieser Gegebenheit vertraut. Drei Kinder haben ihre Empfehlung hinter sich. Sie waren alle falsch. Das lag nicht daran, dass die jeweiligen KlassenlehrerInnen nicht die Kriterien des Kultusministeriums berück-sichtigt hätten, sondern an der Fehleinschätzung, die grundsätzlich darin besteht, dass die „Entwicklungspotentiale“ unabhängig vom Faktor Zeit erkennbar wären.

Es gibt Früh- und Spätentwickler. Das Leistungsprinzip berücksichtigt aber diesen Faktor nicht. Am Ende des Schuljahres muss ein Lehrplan erfüllt sein. Dieser aber ist bestenfalls auf einen statistischen Durchschnitt abgestimmt und lässt keinen Raum, z.B. den begabten Langsameren, aber eigentlich Intelligenteren individuell zu fördern.

Es wird auf die Noten geschaut, insbesondere in Mathematik und Deutsch. Alles, was die linke Hirnhälfte, das Logische betrifft, ist gefördert, das Kreative, Freigeistige, nicht den Naturwissenschaften Zugeneigte ist – zumindest in diesem Alter – nicht förderungswürdig.

Wenn dann dafür plädiert wird, ein solches Schulsystem neu zu organisieren, heißt es, Eltern überschätzten in den meisten Fällen ihre Kinder, würden sie am liebsten alle auf das Gymnasium (bis jetzt Notendurchschnitt besser als 3), zumindest aber auf die Realschule (Notendurchschnitt 3) schicken. Die Hauptschule würde überflüssig werden. – Ja, und? Genau das wäre sinnig. Es sollte integrative Schulen geben. Dann dürfte sich nach meinem Beispiel auch der Langsamere, der z.B. erst im sechsten Schuljahr den Lern-Schub entsprechend seiner individuellen Entwicklung bekommt, der gleichen schulischen Förderung erfreuen. Es gäbe Vielfalt und Heterogenität, die die Schwierigkeiten von zugezogenen Ausländern und vor allem unterschiedliche Begabungen berücksichtigt.

Mein ältester Sohn, der heute dreiundvierzig Jahre alt ist, erlebte in Hessen die ersten Tests für eine Gesamtschule. Das war für ihn fantastisch, denn mit zehn Jahren „wusste“ er, dass er Bildhauer werden will. Sollten wir Eltern diesem Wissen vertrauen, es fördern oder Deutsch und Mathematik durchpauken? Er konnte in der Schule, im vertrauten sozialen Umfeld bleiben, ehe nach weiteren zwei, drei Jahren klar wurde, dass er wirklich wusste, was sein Ziel ist. Alle Lehrer erkannten seine Begabung und halfen ihm, die neben der Kunst notwendigen Wissensbereiche laut Lehrplan zu erfüllen. Mit 15 ging er dann nach Oberammergau, um an der Bildhauer-Schule seine Ausbildung zu absolvieren und dann Kunst am Frankfurter Städel zu studieren.

Unsere nun 26jährige Eleonore galt bei der Klassenlehrerin als maximal durchschnittlich begabt. Tatsächlich hatte sie bis zur vierten Klasse überwiegend 3er. Die Empfehlung: Realschule. Innerhalb des ersten Jahres schon fühlte sie sich unterfordert, wechselte zum Gymnasium, schrieb fortan nur 1er und 2er, machte ihr Abitur mit 1,4.

Robert ist nun 24. Er war von seiner Klassenlehrerin für das Leben vorbereitet worden. Sie hatte mit dem Noten-System in ihrer Schule ihre persönlichen Vorbehalte, förderte Spiel und Lebenslust, was bedeutete, dass Robert am Ende der vierten Klasse, als es um die Empfehlung für die weiterführende Schule ging, 2er vorzuweisen hatte, die ihn für das Gymnasium qualifizierten. Dort sackte er radikal ab. Der Druck, innerhalb der vom Lehrplan vorgegebenen Zeit Ungeliebtes, dem wahren Leben oft entgegen Stehendes aufzunehmen, war so groß, dass er rebellierte, vom System zusammengestaucht wurde, an den Rand der Gesellschaft gedrückt wurde. Er ging durch die Hölle, doch es gab parallel dazu ein Urvertrauen, dass er es schaffen würde, durchzukommen. Als Eltern behielten wir die vertrauensvolle Nähe zu ihm – und siehe da: Nach Schulwechseln und mühsamer Pflicht kam die Kür: Als er frei war von diesem Schulsystem, lernte er freiwillig.

Sprechen wir an dieser Stelle auch noch von Larissa und Julika. Larissa ist 17. Sie hatte die Empfehlung für die Realschule erhalten. Dort war sie glücklich, weil sie in der Klassengemeinschaft Geborgenheit fand und weil sie einen außergewöhnlich einfühlsamen Klassenlehrer hatte, doch das, was sie individuell als schöngeistiges, feinsinniges „Fische“-Wesen ausmacht, war in dieser Schule nicht gestützt oder gefragt. Deshalb wollten wir Eltern sie gerne in der Waldorf- oder aber der Zinzendorf-Schule unterbringen. Keine Chance. Überfüllt bzw. wegen der Priorität für Internatsschüler nicht machbar. Schließlich gab es in der Zinzendorf-Schule doch noch einen Lehrer, der Larissa erkannte. Jetzt ist sie dort – und lernt mit Begeisterung.

So – und dann war vor drei Jahren unsere Julika dran. Sie ist ihrem Wesen nach eine Einzelgängerin. Sie geht alles sehr bedächtig und überlegt an, ist ruhig und zurückhaltend. Wie alle unsere Kinder ist sie sehr kreativ. Das sture Auswendiglernen, das schablonenhafte Abspulen von Lerninhalten, das vom Logos oft getrennte Logische langweilt sie. Kurz: Sie bekam zunächst die Empfehlung, auf der Hauptschule zu bleiben. Julika aber wollte dort nicht bleiben. Wir setzten uns für den Wechsel zur Realschule ein, wo auch Larissa war. Julika blühte auf. Sie ist nach wie vor keine begeisterte Schülerin, aber sie genießt das soziale Umfeld – ist glücklich.

Alles ist Weg – wir müssen nur gehen: Schritt für Schritt, Stufe um Stufe – aber voll bewusst!

Gehen Sie mit!