Vertrauen

Es ist Herbstzeit. Die Natur stirbt, um sich auf neues Leben vorzubereiten.

Die Kraft spendenden Säfte ziehen sich zu den Wurzeln zurück.

Eine Freundin ist gestorben. Gila. Sie war die Tochter eines persischen Teppichhändlers, jenes Mannes, der mich gelehrt hat, was es in der Tiefe heißt, vertrauen zu lernen – dass es immer weiter geht….

…..und die Erkenntnis übrig bleibt: Leben ist immer jetzt. –

Es ist mehr als dreißig Jahre her, dass ich als Verleger des „Blitz-Tip“, des größten Anzeigenblatts in Deutschland, zu beklagen hatte, dass Wechsel, die ich von jenem Teppichhändler erhalten hatte, nicht eingelöst wurden. Ich hatte Angst, Geld zu verlieren, und fuhr wild entschlossen, nicht nur Klartext zu reden, sondern mich auch durch die Mitnahme von Teppichen schadlos zu halten, zum luxuriös ausgestatteten Geschäft des säumigen Schuldners.

Ein unter dicken Brauen aus schwarzen Augen freundlich blickender Herr begrüßte mich am Eingang. Seine ganze Erscheinung vermittelte Würde, Stolz und Leidenschaft, als er nach dem Erkennen, warum ich da war, sagte: „Schauen Sie sich um. Nehmen Sie, was Ihnen gefällt. Alles, was Sie hier sehen, ist sehr wertvoll. Es ist mein Kapital. Nur Bargeld habe ich nicht. Ich bin in Ihrer Schuld. Entschulden Sie mich, indem Sie Teppiche mitnehmen. Die Wechsel kann ich nicht bezahlen. –

Ich war absolut verunsichert. Von Teppichen verstand ich nichts.

Folglich musste ich ihm glauben, was er mir bezüglich des Wertes der einzelnen Teppiche sagte. „Ich mache Ihnen einen guten Preis. Nehmen Sie nur.“ Zögerlich entschied ich mich für einige Brücken. Der einzige Gedanke, der mir nachhaltig in Erinnerung blieb, war: Alles, was ich jetzt aussuche, ist besser als nichts.

Am Ende lagen die wertvollen Stücke übereinander gestapelt vor mir. Die Addition der Einzelpreise lag weit über dem Wert der ausgestellten Wechsel, doch aus sinnlich vollen Lippen und mit einem verschmitzten Lächeln bedeutete mir der mir immer vertrauter werdende Fremde, dass er froh sei über meinen Besuch und dass alles so in Ordnung sei.

Die Teppiche wurden im Auto verstaut und ich wollte mich schon nach dem Zerreißen der Wechsel zurückziehen, als der Herr im weißen Hemd, dezenter Krawatte und auffallend akurater Bügelfalte in der hellen Anzughose mich aufforderte, doch zu überlegen, was ich privat noch an Teppichen brauchen könnte.

„Ja, aber ich habe dafür kein Geld“, hörte ich mich sagen. „Gefallen Ihnen Teppiche?“, fragte mein Gegenüber, „wenn ja, nehmen Sie, was Ihnen gefällt; wir werden uns schon einig.“ In meinem Hirn ratterte es. Ich war verblüfft, ich war verwirrt – ich suchte Teppiche aus……..

………dann wollte ich wissen, was ich zu zahlen habe.

„Geben Sie mir einen Scheck.“ – „Wie? Welchen Betrag muss ich denn eintragen?“ – „Tragen Sie gar keinen Betrag ein.“ „Sie meinen, ich solle blanko unterschreiben?“ „Ja.“ –

„Ich heiße Bagher.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht dieses Mannes, der mir auf unerklärliche Weise immer sympathischer, aber auch unheimlicher wurde. Ich stand wie angewurzelt vor ihm. Mein Kopf sagte NEIN, einen Blanko-Scheck gibst Du ihm nicht. Mein Herz pochte, raste, überschlug sich – und siegte: Ich unterschrieb den Scheck, übergab ihn – und sah mich dann mit hochrotem Kopf im Innenspiegel meines Autos.

Was für einen Blödsinn hatte ich da gemacht? War ich denn von allen guten Geistern verlassen? –

Ich hielt die Angst aus, was ich wohl für eine Rechnung präsentiert bekäme, welcher Betrag demnächst von meinem Konto abgebucht würde. Ich wartete. Nichts kam. Ein Jahr lang. Dann, auf den Tag genau ein Jahr nach dem vielfach nachträglich besprochenen Kauf der Teppiche kam die Abbuchung: 1 Mark. – – –

 

Bagher rief an und dankte mir für das Vertrauen, das ich ihm entgegen gebracht habe. Er hätte ein Spiel mit mir gespielt: Das Spiel eines Persers mit einem Deutschen. Vertrauen gegen Kontrolle oder Vertrauen statt Kontrolle….

An einem der darauf folgenden Abende war ich mit meiner Frau privat zu einem persischen Essen bei ihm eingeladen. Die ganze Familie war dabei. Auch Gila. Eine wärmende, einzigartige Welle der Herzlichkeit und Offenheit erfasste uns. Freundschaft entstand und wurde fortan gepflegt. Bagher war zunächst persönlich

und nach seinem Tod immer in Gedanken bei mir, wenn ich irgendwelche geschäftlichen Veränderungen einzuleiten bzw. zu feiern hatte. Ein mit Intarsien geschmücktes Kästchen, das er mir zur Einweihung der Buchhandlung „Mandala“ in Frankfurt schenkte, ist als Symbol noch immer in unserem Alltag gegenwärtig: Darin sind Weisheitssprüche aus allen Kulturkreisen gesammelt.

Gila pflegte den Kontakt zu mir weiter. Sie, ihr Mann und ihre Kinder zählten zuletzt im Mai zu meinen Geburtstagsgästen, als ich mein zehntes Septar mit jenen begann, die mir im Laufe des Lebens ans Herz gewachsen waren.

Nun ist sie gestorben. Ihre vergängliche Hülle liegt auf dem Friedhof. Unter der Erde. Heimgekehrt zu den Wurzeln. – Eine neue Generation wächst heran. Farid baut aus, was Bagher und Gila begonnen haben: Grenzen der Angst und der Vorurteile zu überwinden, Vertrauen zu schaffen und Liebe zu schenken.

Zeit des Vergehens – Zeit des Werdens!