Weihnachtswunsch: EROS

Zu Weihnachten wünsche ich Ihnen Eros, das Lustgefühl auf wahre Liebe. Dazu gehört die Erkenntnis, dass das, was wir heutzutage mit Eros verbinden, nur einen Teilaspekt seiner ursprünglichen Bedeutung abdeckt. Das Verlorengegangene will wieder entdeckt werden: Spontanität, kindliche Unschuld, instinktive und intuitive Hingabe, Entrückt-sein im Wir-Verständnis, Vergnügen, Freude. Danach zu suchen, ist ein Weg zur Befreiung, ein Weg aus Furcht und Eingeengtsein in Pflichten, nichts als Pflichten und Konditionierungen.

Eros führt dann wie selbstverständlich auch zur sexuellen Freiheit, worauf er meist in einem Negativaspekt heutzutage reduziert ist. Wollust, Pornografie, primitive, allein triebgebundene Verhaltensweisen werden ihm zugesprochen. Doch er ist mehr, viel mehr!

Er ist der Türöffner zu Mitgefühl, Liebenswürdigkeit und Wohlwollen. Man muss ihm nur Raum geben, das heißt Ausdruckskraft schenken, indem man das, was einen frustriert, beim Namen nennt und abreagiert. Dann werden das Gefühllose, das Unwürdige, das Erstarrte, das ewig Gestrige überwunden – und wärmende, erneuernde Frühlingsgefühle, die „Schmetterlinge im Bauch“ werden frei. Das Neue kommt zum Vorschein. Aller Groll gegenüber den Verhinderern verschwindet allmählich. Es gibt keinen Gedanken mehr an Rache und Vergeltung, stattdessen ist die Seele aufnahmebereit für das Weiterführende, Höhere, Göttliche.

Machen wir gemeinsam einen Anfang: Das Licht wird nun bald neu in der Dunkelheit geboren. Es könnte die geweihte Nacht für Dich sein, in der Du Deiner Mutter (Erde), die Dich aus ihrem Schoß hervorgebracht hat, die Verehrung, Bewunderung, Anerkennung und äußerste Wertschätzung zuteil werden lässt, die notwendig ist, wenn Dein Leben sinnvoll gestaltet werden soll. Denn Deine Beziehung zum Mütterlichen ist ausschlaggebend für Deine Beziehung zum Väterlichen (Himmel). Man könnte auch sagen: Wenn Du in der Mulde, im Schoß, in der Bauchhöhle, in der Tiefe keine irdischen Wurzeln gebildet hast, kannst Du Dich nicht quasi eines Phallus erheben und gen Himmel streben, Dich ausdehnen und eine Krone erwerben. Zu Deiner Mama hast Du den ersten Bezug, von ihr bekommst Du zunächst alles, was Du brauchst. Sie liebt Dich. Du liebst sie. Du spürst aber auch, dass es da noch den Vater gibt, den Deine Mama liebt – und so überträgst Du die Liebe zu ihr auch auf ihn, ohne zu reflektieren, dass er den Samen spendete, der Dich in Mama reifen ließ. Das kommt später. Dann, wenn Du Dich aus Dir selbst heraus aufgerichtet hast und Dich als Individuum behaupten willst. Du entfernst Dich von der Mutter und suchst die Vereinigung mit dem Vater.

 

Was hat das mit meinem Weihnachtswunsch zu tun, Ihnen Eros schenken zu können? – Es bedeutet, dass ich unter „wahrer Liebe“ jene Liebe verstehe, die sich auf das Höhere bezieht, die ihren Nährboden darin hat, dass sie für Gerechtigkeit, Ehrfurcht, Würde, Wertebewusstsein, Religio eintritt und sich von den Fesseln pathologischer Kultur, die moralische Zeigefinger erhebt, löst. Es ist der Weg, auf dem das Leben selbst das Wunder ist, und alles, was dieses Leben bietet, geehrt und geachtet wird. Die Aufnahmekapazität, die der bewusste Mensch nutzt, um zu erfahren, was er zum Wohle des Ganzen beizutragen hat, ist sein anerkannter Schatz. Er erkennt sich, nimmt seine Potenzen und Grenzen wahr, und strebt nach dem Göttlichen – in ihm und außerhalb von ihm. Er und seine Umwelt werden eins, werden geeint. – Das ist Eros in seiner tiefsten Bedeutung. –

 

Das beschreibt auch den Jesus-Christus-Weg. Doch es wäre mir zu langweilig, diesen Weg in der christlich-biblischen Form nachzukauen. Deshalb wähle ich, um Ihnen möglichst neutraler nahe zu kommen, folgendes Beispiel: Sie kennen die Redensart, dass man aus Wasser Wein machen könne oder solle oder dass dies einer namens Jesus gemacht habe. Die Frage ist eigentlich nicht, wie das gemacht wird, sondern wozu dies dienen soll. Ganz eindeutig geht es hier um eine Wandlung, eine Verwandlung. Und gemeint ist, dass es darum geht, über den Genuss des Weines bewusst (!) die Kontrolle über den gebundenen (Klein-)Geist zu verlieren. Wie Wasser schmeckt, ist uns bekannt, wie der Wein schmeckt, muss uns bekannt werden. Das bedeutet, wir lassen das uns Bekannte hinter uns, gehen ins Unbekannte, um mit etwas vertraut zu werden, das sich unserer Kontrolle entzieht. Wir trinken den Wein und kommen in den Nebel, das Diffuse, das Entrückte. Grenzen verschwinden. Es hat etwas Mystisches, Verzaubertes – wir verlieren die Kontrolle (über das Materielle, Körperliche), geben uns dem Unbekannten hin. – Es führt nach Golgatha, der Schädelstätte. Der Kopf brummt: Verwirrung im Irdischen, Wohlgefühl in der Nebel-Realität grenzenloser Liebe.

 

Das Licht wird geboren. Christus wird geboren. JETZT. Weihnachten ist nur die Erinnerung daran, ist im besten Fall das Wachrütteln, uns in jedem Moment bewusst zu machen, dass wir uns auf natürliche Weise entbinden lassen von Hebammen (Lehrern und Meistern), die dem Leben an sich dienen und nicht von Ärzten (verirrten Weltverbesserern), die ihre eigenen materiellen Interessen oder ihr unnatürliches Ausgeliefertsein an das Materielle in überflüssigen Kaiser-Schnitten ausdrücken. In der Geborgenheit eines „häuslichen Kreises“ wächst dann von Anfang an das emotionale Bewusstsein, das notwendig ist, um die alten Schriftgelehrten, die einem kaltes Wissen eintrichterten, zu verlassen, die Geld-Herren aus den Tempeln zu vertreiben und daran zu arbeiten, dass ein spirituelles Bewusstsein in allen Instanzen dieser Welt Einzug hält. Hosianna! Hilf doch!