Willkommen auf dem Jahrmarkt

War das nicht ein tolles Jahr 2004? Wir leben immer noch, obwohl die Welt ringsum sich fast zu Tode jammerte. Diese Welt ist nicht untergegangen, obwohl es wie jedes Jahr vielfältige Prophezeiungen gab, dass dies nun endgültig im Plan Gottes sei.

Tag für Tag haben wir unsere Arbeit getan. War sie nicht köstlich? Unsere Fähigkeiten konnten bewiesen werden, wurden honoriert und führten uns zu neuen Ergebnissen und Erlebnissen.

Unsere Kinder sind gewachsen. Wenn wir Glück haben, werden sie sogar erwachsen. Unsere Eltern haben uns wirklich losgelassen. Mit ihrem Erbe dürfen wir selbstverantwortlich prassen. Dürfen wir mehr verlangen?

Es gab manche Überraschungen. Einige davon schreiben wir unserem Unternehmungsgeist, unserer Abenteuerlust, unserem närrischen Treiben zu. Andere resultierten aus unserer mangelnden Wahrnehmungsfähigkeit, das wachen Auges zu erwarten, was ohnehin angesagt war. Ist das nicht wunderbar, dass man sich auf nichts verlassen kann und will? Nicht ´mal auf sich selbst?

Einen Freund, eine Freundin haben Sie hoffentlich. Eine/n, dem/der man alles anvertrauen kann – auch die tiefsten Sehnsüchte und Geheimnisse. Das ist wirklich Gold wert. Einen solchen Freund muss man hüten und bewahren wie Gold. Jeder Aufwand dafür lohnt sich. Haben Sie das auch so erfahren? –

Einer meiner Freunde, hat mir ein Geschenk gemacht, das ich heute zum Jahresausklang mit Ihnen teilen möchte. Dieser Freund Martin schickte mir die Geschichte vom Karussell. Gemeint ist das Karussell des Lebens. Er hat diese Geschichte in einem Buch von Karl Renz gefunden, das im Verlag eines mir sehr wertvollen Bekannten, nämlich Joachim Kamphausen, erschienen ist. Es heißt wohl „Das Buch Karl“. Also: das ist ein heißer Tipp für ein sinniges Geschenk zu Weihnachten – und mein heißer Tipp zur Gestaltung des Lebens im Neuen Jahr 2005:

„Willkommen! Willkommen auf dem Jahrmarkt! Wie ich sehe, sitzt du schon auf dem Karussell! Toll, wie du fährst! Du hast einen schnittigen Wagen. Du hast ein Gaspedal. Du kannst sogar bremsen. Aber vor allem hast du ein Lenkrad. Damit kannst du mächtig kurbeln, und das tust du auch. Komischerweise geht es immer nur im Kreis. Du lenkst nach links und nach rechts und bremst und tust, aber es geht immer nur in eine Richtung,

So lenkt dein Ich. Das so genannte Ego. Es lenkt nach links, es lenkt nach rechts, und ist nicht immer ganz zufrieden mit dem Ergebnis. „Ich sehe mal nach den anderen“, denkt es. „Wie fahren denn die? Wie stellt der da drüben sich an?“ Der legt sich entschieden mehr in die Kurve. Das machst du nun auch. Aber es geht weiter im Kreis. Ab und zu hält das Karussell. Kurze Pause. Die Tibeter nennen es „Bardo“. Dann suchst du dir ein anderes Fahrzeug. „Vielleicht nehme ich auch mal das Pferd. Jetzt reite ich mal ’ne Ecke. Wahrscheinlich ist das meine Bestimmung!“ Sehr klug von dir. Oder richtig weise: Du nimmst den kleinen Roller, weil du nach all den ermüdenden Runden voller Demut und Bescheidenheit bist.

Ja, dein Ich ist bei all der Kurbelei mächtig gereift. Und wenn du mal zufällig in die gleiche Richtung lenkst, wie das Karussell fährt, kannst du endlich triumphieren: „Wow, das habe ich aber gut gemacht‘ Ich glaube, jetzt habe ich es raus!“ Nun hast du entdeckt, wie die ganze Sache funktioniert. „Ich habe voll die Kontrolle, seht mal her!“ Du befindest dich in Harmonie mit dem Kosmos, in Übereinstimmung mit der Schöpfung. Ein derartig stimmiges Ich lenkt genau so, wie das Karussell fährt. „Seht doch mal, wie ich lenken kann! Das ganze Karussell bewegt sich, weil ich so lenke! Hier, ich, hierher sehen!“ Wenn du die Kunst so unvergleichlich beherrschst, kannst du sogar den anderen sagen, wie sie fahren müssen. „So müsst ihr’s machen! Wie ich!

Jetzt bist du ein voll erwachter Fahrer. „Ihm nach“, rufen ein paar andere begeistert. Am besten, du übernimmst gleich den Bus: „Alle bei mir einsteigen und hinter mich setzen! Ich bin eins mit dem Karussell!“ Dann bist du ein Guru. Wenn du mehr im Stillen wirken willst, kannst du natürlich auch andere wichtige Aufgaben übernehmen, zum Beispiel das Feuerwehrauto fahren. Oder den Krankenwagen. Oder du fährst einfach hinter dem Krankenwagen her, sicherheitshalber.

Wichtig bei alledem ist nur, dass du den Überblick behältst. Dass du im richtigen Moment Gas gibst und im richtigen Moment bremst. Und vor allem, dass du mit größtem Geschick lenkst. Das hilft allen. So hältst du nicht nur dein Fahrzeug perfekt auf dem Weg. Du trägst zur gelungenen Fahrt des gesamten Karussells bei! Wenn nur jeder so fahren würde!

Du hast alles im Griff. Bis du einmal versehentlich den Lenker loslässt. Nanu! Jetzt wunderst du dich. Es geht ja auch von allein! Das Ding fährt von selbst! Stimmt. Es fährt selbst. Das Selbst fährt. Du brauchst dich nicht anzustrengen. Du kannst dich zurücklehnen und genießen.

Es geht immer direkt ins Glück.

Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt in ein erfülltes Leben im Tun und Nicht-Tun!