WÜRDE

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ – so steht es im Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland.

Die „staatliche Gewalt“ geht letztlich von Dir und von mir aus. Wir sind der Souverän: das Volk. Die Exekutive unseres Willens sollte von der gewählten Regierung ausgehen.

Ist das so?

Nicht zufällig ist es der erste Satz im Grundgesetz, der die Würde des Menschen anspricht. Alle nachfolgenden Artikel zur Gesetzgebung leiten sich daraus ab.

So gehört es u.a. zur Würde, dass sich die Persönlichkeit frei entfalten kann, dass jeder das Recht auf körperliche Unversehrtheit hat, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses unverletzlich sind, und jeder das Recht hat, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. –

Im Artikel 18 heißt es dann aber auch, dass derjenige, der diese zur Würde gehörenden Aspekte „zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht“, seine Grundrechte verwirkt.

 

Es gibt Politiker, gewählte Volksvertreter, die es als Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung ansehen, dass es mittlerweile bei vielen Wahlen fast zwei Drittel des Volkes sind, die sich nicht für einen Politiker Ihrer Vorstellungen von würdevoller Vertretung entscheiden können.

Es gibt vom Staat unterstützte Initiativen, die Zwangsimpfungen vorsehen, und es gibt Ärzte, die Impfschäden leugnen, von Verantwortungslosigkeit sprechen und ihre Hilfe in Frage stellen, wenn sich jemand der Impfung entzieht, obwohl das Recht auf körperliche Unversehrtheit besteht.

Es gibt einen Machtmissbrauch der so genannten Amtskirchen, der darin gipfelt, dass sie anderen religiösen und weltanschaulichen Gruppen nicht die gleichen Rechte zugestehen, die sie selbst haben, z. B. die Abführung der „Kirchensteuer“ durch staatliche Instanzen. Sie bedienen sich bewusstloser Politiker, die ihre Interessen durchsetzen.

Es gibt Abhängigkeiten in der „unabhängigen“ Presse- und Medien-Landschaft, die den verantwortlichen Redakteuren keine andere Wahl lassen, als nach dem Willen der politisch Mächtigen zu agieren, wenn sie ihren Beruf weiterhin ausüben wollen.

Es gibt ein Bewusstsein für Gewissensfreiheit. Hin und wieder wird es deutlich, wenn sich aus der Masse der Politiker, die sich sonst dem interfraktionellen Zwang beugen, ein paar erheben und nicht der Leitlinie der Gallionsfiguren folgen. Auch in der Beurteilung der Kriegshelden wird es deutlich, wenn jene geehrt werden, die sich dem Leithammel, der diktatorisch agierte, widersetzten.

Es gibt berechtigte Zweifel, dass in der Judikative der Bundesrepublik wirklich alle vor dem Gesetz gleich behandelt werden. Wie sollte es auch sein, wenn die Wahl der Richter politisch motiviert ist. –

 

Dennoch: Wir leben in einem Land, das uns die Privilegien schenkt, uns bis zu einem gewissen Punkt – und der ist im Vergleich zu anderen Staaten relativ hoch angelegt – frei zu wähnen und auch würdig behandelt zu sehen.

Der „gewisse Punkt“ ist dort erreicht, wo sich die Etablierten eingerichtet haben und ihre Position nicht mehr in Frage gestellt sehen wollen.

 

Und hier beginnt die grundsätzliche Diskussion zu dem Begriff „WÜRDE“. – Was bleibt in der Realität von diesem Begriff, wenn er über allen Gesetzen, Verordnungen, Regeln und Normen seine erstrangige Stellung behalten soll?

In der widersprüchlichen Auslegung, die sich je nach religiösem und politischen Hintergrund ergibt, bleibt ein Synonym für Würde fast allgemeingültig bestehen: die freie Entfaltung des Individuums in seiner Einzigartigkeit.

So heißt ein Wesensmerkmal für die Bundesrepublik: „Ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist daher jede quantifizierende Betrachtungsweise menschlichen Lebens, also z. B. die Abwägung vieler Menschenleben gegen ein einzelnes. Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll, jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Jeder einzelne hat daher einen Anspruch, dass sich der Staat schützend vor sein Leben stellt.“

In der islamischen Welt gilt das ähnlich. Dort wird zu dem Begriff „Würde“ kommentiert: „Gott hat durch sein ehrendes Handeln am Menschen jede menschliche Person mit einer unverlierbaren Ehre ausgestattet, die er unter allen Umständen respektiert sehen wollte.“

An anderer Stelle finden wir diesen Kommentar: „Wenn wir im Bewusstsein unserer Fehlbarkeit nicht sicher sein können, absolut im Recht zu sein und die volle Wahrheit zu besitzen, dann haben wir uns prinzipiell jedem Mitmenschen gegenüber, egal welcher Rasse, Religion, Kultur, Ideologie er zugehört – tolerant zu verhalten.“

Doch auch dies will berücksichtigt werden: „Der Buddhismus hat den Anspruch, jedes menschliche Verhalten und Empfinden erklären zu können und gibt so dem Einzelnen keine Rückzugsräume. Eine individuelle Freiheit, die im buddhistischen Sinne gar nicht existiert, kann und muss auch nicht geschützt oder garantiert werden.“

 

Konfuzius sprach: „Wer seine Pflichten gegenüber den Menschen nicht kennt, wie kann der die Riten und Umgangsformen einhalten?“

 

So will ich meine eigene Meinung hinzufügen und zunächst abstrakt formulieren, dass die Würde sich aus dem Ergebnis aller in einer Gesellschaft zusammengetragenen individuellen Erkenntnisse ergibt. Diese Erkenntnisse werden in einer gesellschaftlichen Norm, in einem Gesetz verdichtet. Dieses Gesetz muss sich aber entsprechend der sich wandelnden Erkenntnisse der Einzelnen ebenfalls wandeln. Somit ist das, was Würde genannt wird und jedem als höchstes Gut verbrieft und geschützt werden soll, einem Wertewandel unterworfen.

Im Konkreten heißt das, dass die Maßstäbe einer Gesellschaft aus dem Materiellen, dem Seelischen, dem Geistigen, dem Religiösen abgeleitet sind. Die eine Gesellschaft bildenden Einzelwesen sind im Materiellen aufgerufen, Arme wie Reiche in ein gerechtes Wertesystem einzubetten, im Seelischen heißt die Forderung, jedes individuelle Empfinden und jede individuelle Ausdrucksweise als zum Ganzen gehörig zu respektieren, im Geistigen heißt es, dass jedem sein spezifischer Blickwinkel entsprechend seines geistigen Potenzials und seiner Ein-sicht-sfähigkeit zugestanden wird, im Religiösen (nicht im konfessionell Gebundenen) findet dann der Einzelne seine Antwort darauf, ob er das Materielle, Seelische und Geistige auf einen Nenner gebracht hat, der vor dem Höchsten bestehen kann.

Angenommen, dieser mein Blickwinkel behielte nach sorgfältiger Prüfung Bestand, gibt es nur eine Anforderung an den Begriff WÜRDE:

Man übergebe ihn dem freien Fluss der Kräfte. –

Das Grundgesetz der Bundesrepublik ist soweit es auch als ethische Instanz Anerkennung findet, ein bewahrender Hort für diesen „freien Fluss der Kräfte“. In einer Gesellschaft müssen jene erkannt und für ein Wächter-Amt benannt werden, die sich für die bis dahin innerhalb der Gesellschaft gefundenen Werte uneigennützig einsetzen. Es sind die Auserlesenen, die geistigen Führer. Doch wir haben heute vielfach „Führer“, die unwürdig mit dem Begriff Würde herum hantieren und unreif ihren Ego-Blickwinkel zum allein selig machenden auch in ethischen Fragen erheben wollen. Sie müssen von dem wachsenden Bewusstsein überholt werden, dass jeder Mensch einen eigenen Kosmos darstellt und insofern auch jeder einen eigenen Begriff von Würde hat. Doch die erhabene Weisheit, die grenzübergreifend gewürdigt wird, sich aus einem Entwicklungsprozess über eine lange, lange Zeit ergibt. Insofern ist die Demut vor dem, was nicht unseren vordergründigen Ich-Interessen entspricht, die erste Voraussetzung zum Umgang mit „Würde“.

Wo das triebgebundene Ich triumphieren will, gibt es keine Würde, nur Stolz und Überheblichkeit.

Wo das entwickelte Ich im Prozess mit dem Du zu einem Wir-Verständnis gefunden hat, ist Würde.

Hier muss das Ich auch nicht mehr geschützt werden. Hier muss auch nichts mehr garantiert werden. Hier braucht es keinen äußeren Maßstab durch Gesetze. Hier ist das Individuum im Dienst am Höheren. Es beansprucht keine individuelle Freiheit, sondern sieht alle Verantwortung darin, sich das Recht zu nehmen, seine Pflicht zu tun:

Alles so zu behandeln, wie ich möchte, dass ich behandelt werde.

 

Welchen Begriff von WÜRDE haben Sie?