Wunschlos glücklich sein

An dieser Stelle habe ich schon mit vielen Tabus gebrochen, weil es mir ein Bedürfnis ist, jenen zu widersprechen, die ihre subjektiven Thesen mit den Worten untermauern: „Dies ist die einzige Wahrheit!“ Zuletzt erlebte ich das während des „Licht- und Farb-Kongresses“ auf Lanzarote, als sich ein sehr anerkannter Professor darüber ereiferte, dass ich sagte, es gäbe genau so viele Wahrheiten, wie es Standpunkte zur Wirklichkeit gibt.

Zugegeben, die größere Faszination liegt darin, dass jemand mit einem großen Namen verkündet: Ich habe die Wahrheit. – Wir sind dann unsicher, weil der kluge Kopf so selbstsicher wirkt und seine ganze Autorität einbringt.

Wenn ich mit meiner Autorität den Widerspruch wage, laufe ich Gefahr, gleichermaßen in die Falle der Selbstherrlichkeit zu tappen. Doch ich bitte Sie, mir zu glauben, dass ich fast bei jedem Wort, das ich zu Papier bringe, zögere, weil ich ja nicht wissen kann, was jeder Einzelne von Ihnen aus meinen Worten macht. Jedes Wort kann bedeutsam sein, kann zu entscheidenden Konsequenzen führen. Worte können so viel bewegen, können aufbauen und zerstören.

Ich habe zwar keine Angst vor eventuellen Missverständnissen, doch es liegt in meiner gefühlten und akzeptierten Verantwortung, wach zu sein und mich nicht verleiten zu lassen, von anderen erworbenes bzw. geborgtes Wissen als meine Wahrheit auszugeben. In mir schwingt ständig ein „vielleicht“. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist alles noch viel paradoxer als ich es ohnehin schon bei meinem Selbststudium erkannte.

Doch ich bekenne mich zu meinem aufwärts strebenden Feuer. Eine Flamme ist in mir, das alles Wasser, das gleichzeitig da ist, verdunsten lässt. Es ist wie ein Bekenntnis zum Leben an sich. Ich folge meiner Spur als doppelter Widder, Pionier und Himmelsstürmer und schreibe mir von der Seele, was mich bewegt – dabei darauf achtend, dass ich Ihnen möglichst nichts aufzwinge und Sie erkennen können, dass Sie Ihrer eigenen Spur zu folgen haben – nicht der meinen. –

Letzte Woche fiel mir ein schönes Buch in die Hand: „Momoko“, das den Untertitel „Von der Kunst, wunschlos glücklich zu sein“ trägt. Ich habe mich gleich mit dem Autor, B.M. Tang, der das Buch im Eigenverlag herausgibt, in Verbindung gesetzt, weil ich selbst vor zwölf Jahren die Erfahrung des wunschlosen Glücklichseins machte. Ich schrieb eine Mail folgenden Inhalts: „Ja, es ist ein traumhaft schöner Zustand, wunschlos glücklich zu sein. Für mich ergab es sich so, als ich Ende 1992 von Lanzarote zurück kam nach Deutschland, der Liebe zu meiner Frau folgend. Dann kam auch noch ein zweites Wunschkind (26 Jahre nach meinem Sohn Jens) – Larissa – zur Welt. Ich machte ohnehin bis dahin schon vierzehn Jahre nur das, was mir von Innen heraus Spaß machte. Was sollte es mehr geben? Ich war wunschlos glücklich. Da war nur eine bohrende Frage in mir: Was ist dieses Leben außerhalb aller Form, das jedoch alle Formen durchdringt? Mein Zen-Weg hatte mir viele Antworten darauf gegeben, doch sie waren nicht transzendiert. Wenn es keinen Wunsch, auch keine Vision mehr gab, was sollte dann noch für ein Sinn in diesem Hier-Sein liegen? Konnte ich dann nicht genauso gut tot sein? Die Antwort war: JA. – Die Wahrheit offenbarte sich in diesem Punkt: Leben ist Tod, Tod ist Leben. Es gab nichts mehr zu tun, das mit einer Zielprojektion zu tun hatte. Was bedeutete in diesem Zusammenhang „Verantwortung“? – Ich bat um ein Zeichen. – Ich erhielt es. Ich wurde erfreulicherweise krank. Die Umstände erforderten, dass ich genau zwölf Tage im Krankenhaus warten musste, bis die Operation möglich war (symbolisch wichtig: Gallenblase). Es waren zwölf Tage der Einweihung, in denen ich erfuhr, dass das wunschlose Glücklichsein einmünden durfte in eine neue „Bundeslade“, eine neue Verantwortung, die ich in der Welt für einen bestimmten Kreis zu übernehmen habe. –
Jetzt hat mein Leben (wieder) höchsten Sinn…..“

Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich als dahinter liegende Wahrheit für mich erkannte: Das Leben hat kein Ziel. Es ist absolut absichtslos. Es ist ein wundervolles Spiel – feurig bewegend, von Liebe durchflutet.