Zynisches Gesundheitssystem

„Gesundheit ist nicht das höchste Gut. – Die Gesellschaft muss vom Gesundheitswahn therapiert werden“. So lautete die Titelzeile eines Artikels in der „Welt am Sonntag“, in dem der Wunsch nach dem „ewigen Leben“ als Wahnidee identifiziert wird, die das gesamte Gesundheitswesen ruiniere. Recht hat er, der Autor Dr. Manfred Lütz, Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses in Köln. – Was aber ist das höchste Gut? Woraus resultiert der Wunsch nach „ewigem (physischem) Leben“? Wie kann dem Ruin des Gesundheitswesens entgegen gesteuert werden? –

Meine Antwort: Das höchste Gut ist das Leben. – Leben ist ewig. – Das System des derzeitigen „Gesundheitswesens“ muss ruiniert werden. –

Mensch sein, das heißt, aus dem Paradies vertrieben zu sein, und somit abgesondert, unvollkommen, krank zu sein. Im Laufe des irdischen Menschenlebens wird dann symptomatisch aufgedeckt, was verloren gegangen ist von der Ganzheit, von der Gesundheit, vom paradiesischen (ewigen) Zustand. Durch Therapie wird versucht, das Verlorengegangene wieder zu finden. Jedem hilft eine andere Therapie, die eine handfest, grob, vordergründig, die andere rein energetisch, fein, hintergründig-geheimnisvoll. Aber für jeden ist ein Heilmittel vorgesehen – und nur das Studium des Individuums birgt die Möglichkeit in sich, das passende Heilmittel (das dem einzigartigen Individuum Verlorengegangene) zu finden.

Und dennoch: Jeder, auch der Erleuchtete, wird sterben – wird seinen Körper auch dann zurücklassen, wenn das rechte Heilmittel gefunden wurde, denn das „rechte Heilmittel“ zu finden, bedeutet allein, bewusst gemacht zu haben, dass der Geist im Tempel des Körpers aufzugehen hat und dass der Körper nur die Heimstatt, der Raum auf Zeit ist, in dem der universelle Geist einen spezifischen, individuellen Ausdruck finden soll, um dann hingegeben zu werden an das Ewige – und dieses Ewige ist der Geist, der nicht stirbt, lebendig ist und bleibt über alle Zeiten und Räume hinweg. Unser Gesundheitssystem gaukelt uns aber vor, wir könnten durch äußere „Hilfe“, wie z.B. Apparate und Pillen allein heil werden. Andere, die erkannt haben, dass jede Krankheit einen geistigen Hintergrund hat und deshalb eine ganzheitliche Behandlung fordern, beziehen auf diese Weise den Seelen-Aspekt des Individuums mit ein, d.h. sie wissen, dass die Seele vermitteln muss zwischen Körper und Geist, aber auch zwischen Patient und Arzt. Denn die Seele, die individuelle Form des Geistigen, muss die Arbeit vollbringen, das Manifestierte (die Krankheit) zu lösen (bewusst zu machen) bzw. aufzulösen, d.h. zu vergeistigen. Wenn die so Tätigen allerdings davon ausgehen, sie wären die berufenen Heiler, die wüssten, worum es geht, werden sie von permanenten Enttäuschungen auch nicht verschont bleiben, denn so wie jeder Patient einzigartig und neu ist, ist immer wieder neu, ob das vermeintliche Heilmittel, das bei X so wunderbar wirkt, auch bei Y den gewünschten Effekt bringt. Auch diese ganzheitlich Tätigen gaukeln sich und anderen also vielfach vor, sie seien die wahren Erneuerer unseres Gesundheitssystems. Sie haben im übertragenen Sinne wie in der Mathematik den richtigen Ansatz gefunden, aber dennoch nicht die richtige Lösung vorzuweisen, da die sich nämlich nur ergeben kann, wenn das Wissen um die individuelle Form (Körper und Seele) einhergeht mit dem Wissen, dass es immer, ohne Ausnahme, nur ein Versuch ist, mit dem vermeintlichen Heilmittel den „Stein der Weisen“ gefunden zu haben, der dem Patienten ein Stück vom Paradies zurückgibt und ihn heiler macht. Es ist einer übergeordneten Kraft, die das Ganze im Überblick hat, überlassen, festzustellen, ob sie mit dem Angebotenen einverstanden ist. Deshalb sagt der reife Mensch im dienenden Aspekt wie die Jungfrau Maria im Gleichnis: Herr, Dein Wille geschehe. –

Ein Gesundheitssystem, das unterschiedliche Angebote nach äußeren Kriterien von Macht und Geld bereit hält und gleichzeitig Gesundheit als das höchste Gut anpreist, ist zynisch.

Ein Gesundheitssystem, das Patienten an bestimmte Ärzte oder Kassen binden will, ist dumm. Ein Gesundheitssystem, das die „Gesundheitsvorsorge“ zum Wettbewerbsfaktor für die Kassen macht und auch noch vorgibt, wie die „Vorsorge“ auszusehen hat, wenn sie anerkannt werden soll, ist in ihrem Unverständnis, was Gesundheit wirklich ist, betrügerisch und bösartig.

Ein Gesundheitssystem, das so tut, als gäbe es eine qualifiziertere Hilfe, wenn Untersuchungen in einer Hand (ggf. beim Hausarzt) blieben, verweigert die not-wendige Suche nach dem für das Individuum richtigen Therapeuten.

Ich kann nur ein Gesundheitssystem anerkennen:
– jenes, das unverblümt darauf verweist, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist- jenes, das staatliche Zuwendung jeglicher Art verweigert, wenn im freien Wettbewerb von Kassen, Krankenhäusern, Ärzten, Heilpraktikern, Heilern aller Art, zwangsläufig Ungleichgewichte entstehen – jenes, das Aufklärung dahingehend betreibt, welchen ganzheitlichen Blickwinkel jedes Krankheitsbild vermitteln will und welche Angebote (ggf. Maschinen, Apparate, Schwingungstherapien, Arzneien usw. als mögliche Hilfsmittel) dafür im Markt zu finden sind – jenes, das ein Gemeinwesen will, in dem jeder ein gleiches Recht auf die optimale Suche nach der Ursache und nachfolgend der Behandlung seiner individuellen Krankheit hat
– jenes, das in seiner Ausgabenpolitik berücksichtigt, dass der Einzelne selbstverantwortlich für die Kosten seiner Heilbehandlung aufkommt und nur dann aus einem gemeinnützigen Fond unterstützt wird, wenn nach Kriterien der Nächstenliebe (und nicht nach Kriterien der Höhe der Versicherung) Hilfe angesagt ist.

Sie sehen, das stellt das jetzige System auf den Kopf. – Dennoch: Alles andere sind lieb gewordene Schönheitsoperationen, d.h. äußeres Täuschen (bewusst oder unbewusst) der tatsächlich zu erkennenden Zeichen der Unvollkommenheit, wenn die Not wirklich gewendet werden soll.